Roadtrip durch Argentinien und Chile, bis ans Ende der Welt

Roadtrip durch Argentinien und Chile, bis ans Ende der Welt

Roadtrip durch Argentinien und Chile, bis ans Ende der Welt

Wenn Julia Simon eine Reise plant, wird es abenteuerlich. Das weiss ihr Mann René aus Erfahrung. Ein dreimonatiger Roadtrip durch Argentinien und Chile soll es diesmal sein. Mit Pickup und Dachzelt reisen die beiden bis zur südlichsten Stadt Südamerikas. Die einzigartige Schönheit Argentiniens raubt ihnen den Atem.

Schon mal mit einem in Chile gemieteten Pickup nach Argentinien eingereist? Wir auch nicht. Und deshalb wissen wir nicht, was wir von der anstehenden Premiere erwarten können. Der erste Reiseabschnitt soll uns von Santiago de Chile bis ganz in den Süden nach Ushuaia in Argentinien führen. Immer wieder werden wir dabei die argentinisch-chilenische Grenze überqueren müssen. Heute können wir schon mal üben.

Da Unwissenheit nicht vor Warteschlangen schützt, stehen wir knapp eine Stunde in einer Blechkarawane, bevor wir uns für eine weitere Stunde in eine Menschenschlange einreihen müssen.

So ist es nun mal, wenn man sich für den ersten Grenzübertritt einen vermeintlich strukturstarken Übergang aussucht, der auch von Touristenbussen genutzt wird. Die Warteschlange ist grösstenteils im Freien, die Sonne brennt, und die Sonnencreme liegt im Auto. Ein weiteres Problem ist, dass wir fast kein Spanisch sprechen. Keiner kann Englisch. Auch beim Blick auf die Hinweisschilder verstehen wir nur Bahnhof. Julias Spanisch ist «basic», und bei mir reicht es, um freundlich ein Bier zu bestellen. Leider wenig hilfreich.

Nach drei verschiedenen Schaltern, Stempeln, Unterschriften auf den Mietwagen-Ausreisedokumenten und viel Sprachinkompetenz haben wir es nach zwei Stunden endlich geschafft. Naja, nicht so ganz, denn der Stempel im Pass verrät, dass dies lediglich die Ausreise aus Chile war. Unsere Frage, wo denn die Einreise nach Argentinien erfolgt, wird vom Grenzbeamten mit einem wortlosen Fingerzeig auf die Strasse hinter dem Schlagbaum beantwortet. Nach 45 Minuten Fahrt im Niemandsland erreichen wir die argentinische Grenze. Ein weiteres Mal Auto- und Menschenschlange, ein weiteres Mal viel Ahnungslosigkeit unsererseits, aber wir kriegen die nötigen Stempel und Unterschriften. Jetzt haben wir Argentinien endlich erreicht. Auch eine Art, fast fünf Stunden des Tages zu verbringen. Die Landschaft hier in der Grenzregion lässt jedoch vermuten, dass sich dieser Aufwand mehr als gelohnt hat.

Wildcamping. Für diese Reise haben wir einen Pickup mit ausklappbarem Dachzelt gemietet, eine Allradwohnung quasi. Es gibt für uns keinen grösseren Luxus als zeitlich und örtlich flexibel zu sein. Unsere Reiseplanung ist sehr grob. Wohin wir jeden Morgen aufbrechen, entscheidet sich meist am Abend vorher. Für uns die perfekte Art, ein Land zu erleben und ein Gefühl absoluter Freiheit zu erfahren.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Abseits. Einfach bei der nächsten Seitenstrasse abbiegen, und schon findet sich ein einsames Übernachtungsplätzchen mitten im Nirgendwo.

Ein Allradfahrzeug mit guter Federung ist hier durchaus angebracht. Ich möchte die argentinischen Strassen mal vorsichtig als «unberührt von jeglicher Norm» beschreiben. Ein mit Achsbruch am Strassenrand verendetes Auto unterstreicht den gewonnenen Eindruck. Grober Schotter, Schlaglöcher, in denen ein Smart verschwinden könnte, und Staub, der jeden Zentimeter von Fahrzeug und Insassen bedeckt.

Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, aber dieser hartnäckige Staub findet den Weg zu Körperstellen, die aus meiner Sicht erst dann Staub ansetzen, wenn jeglicher Gedanke an menschliche Reproduktion oder den dafür vorgesehen Akt erloschen ist.

 Mit so einem Fahrzeug erreichen wir Übernachtungsplätze, die man mit einem normalen Auto sicher nicht erreichen würde. Während Wildcamping in vielen Ländern entweder verboten oder nicht ratsam ist, ist es in Argentinien ein absolutes Muss. Im Süden des Landes, ganz in der Nähe der Cueva de los Manos in der Provinz Santa Cruz, biegen wir von der Ruta Nacional 40 auf eine kleine Staubstrasse ab und erreichen nach kurzer Zeit ein beeindruckendes Fleckchen Erde. Um uns herum erheben sich rote Felsen aus dem sandigen, mit stacheligen Grasbüscheln bewachsenen Boden. Mit dem Lauf der Sonne verwandeln sich die Farben um uns herum – von Hellrot in Dunkelbraun, von leuchtendem Gelb in Hellgrau. Julia und ich stehen schweigend nebeneinander und staunen. Die Stille um uns herum ist ungewohnt und ebenso beängstigend wie faszinierend.

 

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

On the road. Nicht immer sind die Strassen so gepflegt wie hier. Aber immer hat man dafür eine grandiose Aussicht.

Nachdem die Sonne untergegangen ist, offenbart sich uns ein spektakulärer Nachthimmel. Da sich in einem Umkreis von mehreren Kilometern keine Lichtquellen befinden, stört nichts unseren Blick in den Sternenhimmel. Zu Hause vergisst man schnell, wie viele Sterne es dort oben gibt. Zum einen, weil wir uns gar nicht mehr die Zeit nehmen, lange genug nach oben zu schauen. Zum anderen, weil die Sterne aufgrund der Lichtverschmutzung gar nicht mehr alle zu erkennen sind. Eines steht fest: Wir müssen uns hier den Sonnenaufgang anschauen! Julias «Viel Spass dabei!» lässt mich vermuten, dass sie keine Lust hat, um 6.15 Uhr den Schlafsack zu verlassen. Wir werden sehen.

Die Abende sind in der Regel sehr entspannt, denn anders als im Alltag zu Hause gibt es nichts, was man nach dem Stillen aller Grundbedürfnisse tun müsste. Es bleibt also genügend Zeit, um unterschiedliche Ordnungsansichten aufeinanderprallen zu lassen. So ein Jeep mit Zelt hat, verglichen mit unserer Wohnung zu Hause, eine deutlich kleinere Wohnfläche. Trotzdem muss man viele Sachen unterbringen. Unser sensationeller Kleiderschrank besteht z. B. aus unseren Reiserucksäcken, die offen auf der Rückbank liegen. Das funktioniert so: Tür auf, Shirt hineinwerfen, Tür zu. Ich habe angeregt, dass alle Sachen einen festen Platz in unserer Allradwohnung haben, damit man sie ohne grossen Suchaufwand immer wiederfindet. Ist ja nicht schwer – sollte man meinen. Bei uns besteht ein Tag oder Abend jedoch häufig aus vielen kleinen Ratespielen. Am beliebtesten ist die Variante «Schatz, wo ist?». Dieses Spiel ist recht simpel und bedarf keiner grossen Vorbereitung. Es muss lediglich vergessen werden, wo die einzelnen Gegenstände eigentlich hingehören. Für die eine Hälfte unseres Reiseduos ist das anscheinend recht einfach zu bewerkstelligen. Die andere Hälfte, also ich, muss jeden Tag aufs Neue unzählige Fragen bezüglich Ablageort diverser Gegenstände beantworten. Antwortet der Gefragte dann nicht innerhalb weniger Sekunden, wird die Frage umgehend wiederholt, und der Punkt geht anscheinend an den Fragenden. Ganz sicher bin ich noch nicht, wer bei dem Spiel gewinnt.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Schattenspiel. Kurz vor Sonnenuntergang zeichnen sich lange Schatten auf rote Felsen. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.

Der nächste Morgen beginnt dank meines Weckers und meiner Ankleideversuche, die das Zelt wackeln lassen, auch für Julia früher als ganz offensichtlich gewollt, aber sie will sich den Sonnenaufgang dann doch nicht entgehen lassen. Zusammen besteigen wir einen Hügel, von dem aus wir das Tal überblicken können. Um kurz nach 7 Uhr schiebt sich die Sonne über die Hügelkante und sorgt erneut für ein besonderes Farbenspiel. Ich bin glücklich. Und Julia? Anscheinend auch, denn sie liegt zusammengerollt auf ihrer Daunenjacke und schläft. Immerhin ist sie irgendwie dabei.

Cerro Fitz Roy. Endlich haben wir Zeit für unsere erste richtige Wanderung. Ziel ist der Cerro Fitz Roy, ein Granitmassiv nahe der argentinisch-chilenischen Grenze. Ausgangspunkt dieser 20-Kilometer-Tour ist das Örtchen El Chaltén, das fast ausschliesslich vom Tourismus lebt. Trotz dieser Tatsache und der offensichtlichen Anwesenheit vieler Reisender ist es hier weder hektisch noch überlaufen. Es herrscht eine entspannte Stimmung. Die kann ich jetzt auch gut gebrauchen, da auf dem Weg hierher unser Scheibenwischermotor im Dauerregen den Dienst quittiert hat, in dem er sich fast vollständig vom restlichen Fahrzeug gelöst hat und nun traurig im Motorraum baumelt. Mein heissgeliebter Leatherman wirds schon richten. Da wir zwei Nächte hierbleiben werden, muss das aber nicht heute geschehen. Das grössere Problem ist der Regen, der nicht nur aufs Gemüt schlägt, sondern auch die Vorfreude auf die morgige Wanderung trübt.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Spitzentag. Die Gipfel des Cerro Fitz Roy zeigen sich nicht immer. Das wolkenlose Panorama ist eine verdiente Belohnung für die anstrengende Wanderung.

Am nächsten Morgen müssen wir uns mehrmals die Augen reiben, bevor wir das Gesehene wirklich realisieren können: Der Himmel ist blau und wolkenfrei. Vom patagonischen Wind auch keine Spur. Das ist selten und ein absoluter Glücksfall. Die ersten neun Wanderkilometer sind moderat und führen durch Wälder, über Flüsse und eine herrliche Hochebene. Die Spitzen des Fitz Roy, imposante 3405 Meter hoch, sind oft von Wolken verdeckt. Deshalb nennen die Einheimischen ihn Chaltén (der Rauchende). Doch heute ist der Berg bereits aus einiger Entfernung einwandfrei zu sehen. Das Glück ist eindeutig auf unserer Seite. Der letzte Kilometer bis zum Ziel, dem Lago de los Tres am Fusse des Fitz Roy, ist eine Qual. Es geht steil hinauf über enge Pfade und rutschige Felsen. Oben angekommen, sehen wir aber, dass sich die Mühe gelohnt hat. Wolken ziehen vor die Granitspitzen und der Wind nimmt patagonisch zu, aber das Bild aus grauen Felsen, türkisfarbigem Wasser und Gletschereis ist atemberaubend.

Trotzdem steht kurz darauf der Rückweg an, da sich in der Ferne Regen ankündigt. In unseren Beinen stecken die zehn Kilometer hinweg. Dementsprechend anstrengend wird es – für mich mehr als für Julia. Wo diese Frau ihre Wanderenergie hernimmt, habe ich irgendwann aufgehört zu erforschen. Am frühen Abend erreichen wir wieder unseren Campingplatz. Wir sind müde, aber dankbar und glücklich. Ich bringe es tatsächlich fertig, in der Hocke vor der Heckklappe des Wagens kurz einzuschlafen.

Perito Moreno. Etwa 300 Autokilometer weiter südlich von El Chaltén wartet bereits das nächste Naturspektakel. Argentinien hält so einiges bereit, sogar ein UNESCO-Weltnaturerbe: den Los-Glaciares-Nationalpark. Dieser Park beheimatet den Perito-Moreno-Gletscher, einen gigantischen Ausläufer des südpatagonischen Eisfeldes. Während die meisten anderen Gletscher unserer Erde dem Klimawandel zum Opfer fallen, weist der Perito Moreno keine klare Abnahmetendenz auf.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Mauer aus Eis. Das Blau des Eises schimmert je nach Sonneneinstrahlung in den unterschiedlichsten Tönen. Die Ausmasse des Perito-Moreno-Gletschers sind gewaltig.

Den ersten Blick auf den Gletscher werfen wir aus einigen Kilometern Entfernung. Sieht irgendwie kleiner aus als erwartet. Am Besucherzentrum stellen wir unsere Allradwohnung ab und werden nach wenigen Gehminuten erschlagen – im positiven Sinne. Jetzt sind wir nah dran, näher, als wir vermutet haben. Vis-à-vis der lang gezogenen Eiswand, die aus dem Lago Argentino herausragt, führen angelegte Stege und Treppen die Besucher am Gletscher entlang. Der Anblick wirkt beinahe unreal, wie mit einem riesigen Pinsel gemalt. Das Blau des Eises wechselt je nach Sonneneinstrahlung seine Farbe. Derart intensive Blautöne sieht man in der Natur nicht oft. In unregelmässigen Abständen hört man ein Rumoren aus dem Eisfeld, ein dumpfes Grollen und Knacken. Der Perito Moreno bewegt sich täglich weiter nach vorne. Und dann passiert das, wovon wir gelesen und gehofft haben, es mit eigenen Augen zu sehen. Mit einem gewaltigen Krachen brechen riesige Eismassen von der Gletscherkante ab und stürzen in den See. Wenn wir für jede Sekunde, die wir hier in Argentinien mit offenem Mund dastehen, Geld bekommen würden, dann könnten wir damit grosse Teile unserer Reise refinanzieren.

Wir sind nicht die Einzigen, die sich dieses Schauspiel ansehen wollen. Die Stege und Aussichtsbalkone füllen sich mit Menschen, die den Gletscher wohl länger durch den Sucher ihrer Kamera als mit blossem Auge bewundern. Trotz der eintreffenden Busladungen nehmen wir andere Touristen nicht vordergründig wahr. Zu gross und faszinierend ist das vor uns liegende Eisfeld. «Komisch, irgendwie habe ich jetzt Lust auf ein Eis», sagt Julia und deutet auf das nahe gelegene Besucherzentrum. Da lasse ich mich nicht zweimal bitten. Aus Eis wird die sagenhafte Mischung aus Empanadas, Kuchen und Kaffee – das Mittagessen wäre damit schon mal abgehakt, und der Campingkocher bleibt kalt.

Das Ende der Welt. Klingt apokalyptisch, ist es aber nicht. Es handelt sich in diesem Fall um die in der Provinz Feuerland gelegene südlichste Stadt der Welt und nicht um einen Roland-Emmerich-Film. Mit dem Auto ist hier Endstation, weiter südlich kommt man nur noch mit dem Schiff. Die Antarktis ist von hier aus nur noch knappe 1000 Kilometer entfernt. Das ist nun wirklich der südlichste Punkt, den wir je bereist haben. Um auf dem Landweg nach Ushuaia zu gelangen, führt allerdings kein Weg an Chile vorbei. Eine Mischung aus Wasser und einer unpraktischen Grenzziehung zwingt uns, Argentinien zu verlassen, um kurz darauf wieder einzureisen.
Im Vorfeld versuche ich mir von Orten immer so wenige Vorstellungen wie möglich zu machen. Manchmal kann ich es aber nicht unterdrücken, und so war es auch bei Ushuaia. Was soll ich vom Ende der Welt erwarten? Nicht viel, dachte ich. Ein Irrtum, wie sich jetzt herausstellt. Die Stadt ist grösser als gedacht, ohne jedoch wirklich eine Stadt zu sein. Umringt von Bergen liegt sie direkt am Beagle-Kanal, der Pazifik und Atlantik miteinander verbindet. Ushuaia strahlt trotz aller Touristenbesuche Ruhe aus. Wo wir unseren Ankunftskaffee trinken sollen, ist gar nicht so leicht zu entscheiden. Es gibt viele gemütlich wirkende Cafés entlang der Avenida San Martin, der Hauptstrasse. Wir schaffen es irgendwann, diese Herausforderung zu meistern.

Die erste Nacht verbringen wir wenige Kilometer vor den Toren Ushuaias an einem kleinen Fluss. Die Möglichkeit, immer wieder an wunderschönen Naturplätzen übernachten zu können, begeistert uns ein ums andere Mal. Das Wetter war heute überraschend gnädig, bescherte uns zwar kalten Wind, geizte jedoch auch nicht mit Sonne. Kurz bevor wir gegen 22 Uhr in unser Zelt steigen wollen, zeigt das Thermometer 4,4 Grad Celsius. Und die Nacht bleibt kalt. Aber wir sind es mittlerweile gewohnt, mit Skiunterwäsche, Mütze, Wärmflasche und Daunenjacke im Schlafsack zu liegen.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Segel setzen. Auf dem Beagle-Kanal vor Ushuaia weht ein kalter Wind, dafür ist man noch näher an der Antarktis.

Wenn wir schon mal in Ushuaia sind, bietet sich eine Bootsfahrt auf dem Beagle-Kanal an. Auf diese Weise kommen wir der Antarktis noch ein Stückchen näher. Im Hafen können die Touren gebucht werden, es gibt unterschiedliche Veranstalter mit unterschiedlichen Bootsgrössen. Derartige Touristenausflüge sind eigentlich nicht unser Ding, aber ein Angebot fällt uns besonders auf: Segeln auf dem Beagle-Kanal. Auf der 14 Meter langen Segeljacht finden zehn Gäste und zwei Skipper Platz. Eine Gruppengrösse, die wir durchaus ertragen können.

Als wir gegen 9.30 Uhr den Hafen verlassen, ist die Sonne noch zu schwach, um die Kälte des Windes auszugleichen. Freiliegende Hautstellen werden deshalb mit allem bedeckt, was zur Verfügung steht. Das Ergebnis sind Mumienselfies. Nicht schön, aber selten. Die Segel sind gehisst, und wir gleiten fast geräuschlos übers Wasser. Die Fahrt führt uns vorbei an riesigen Kormorankolonien, Seelöwen und dem um 1918 gebauten Leuchtturm, der heute noch den ankommenden Schiffen den Weg in den Hafen von Ushuaia weist. Nach fast vier Stunden erreichen wir bei strahlendem Sonnenschein wieder den Hafen und haben kurz darauf festen Boden unter den Füssen. Wenn es nach uns gegangen wäre, dann hätten wir auch noch länger dort draussen bleiben können.

Die Nacht verbringen wir im Nationalpark Tierra del Fuego, der nur wenige Autominuten von Ushuaia entfernt beginnt. Wenn man ständig die schönste Natur um sich herum hat, dann muss die Begeisterung doch irgendwann mal abnehmen, oder? Bestimmt, aber wir haben erneut einen traumhaften Übernachtungsplatz an einem kleinen Fluss gefunden, den ab und zu Wildpferde überqueren. Das ist nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um mit Begeisterung zu sparen. Ganz ehrlich, es lohnt sich, bis ans Ende der Welt zu fahren.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Plattfuss. Es schadet nicht, beim Reifenwechsel ein paar helfende Hände (oder Pfoten) zur Seite zu haben.

Wein und Menschen. Wir haben den südlichsten Süden Argentiniens mittlerweile mit dem Flugzeug in Richtung Santiago de Chile verlassen, um dort erneut einen Camper zu mieten und um nach einigen Tagen in Chile wieder argentinischen Boden zu betreten. Vor uns liegen nun nicht nur Landschaften, die so ganz anders sind als das, was wir bereits auf unserer Südroute sehen durften, sondern auch bekannte Weinregionen. Die grösste und für Argentinien bedeutendste ist Mendoza. Die im Umland der gleichnamigen Provinzhauptstadt gelegenen Weingüter sind nicht immer auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Darüber hinaus sind sie in eine Umgebung eingebettet, die nicht unmittelbar als Weinregion zu identifizieren ist – jedenfalls nicht, wenn man in diesem Zusammenhang Italien oder Südafrika im Kopf hat.

Der Rotwein ist jedoch hervorragend. Es klingt klischeehaft, aber wer Argentinien bereist und sich weder aus Steak noch aus Rotwein etwas macht, der verpasst etwas. Es mag ja sein, dass wir im Zelt schlafen, eine echte Dusche selten ist und wir unsere T-Shirts jeden Morgen nach olfaktorischen Kriterien auswählen, aber eine gute Flasche Rotwein gehört ab jetzt zur Standard-Campingausstattung. Die Weingüter bieten Führungen und Wine-Tastings an. Wenn man jedoch mit dem Auto unterwegs ist, dann fällt das Tasting für mindestens eine Person eher sparsam aus, und diese Person bin meistens ich. Aber das ist auch gut so, denn der sich sparsam am Wein bedienenden Person kann dann beispielsweise auffallen, dass es Probleme mit dem Fundament unserer Allradwohnung gibt. Ein Reifen scheint Luft zu verlieren. Das ist kein Drama, aber mir fehlt gerade das innere Bedürfnis, einen Reifen zu wechseln. Wir schaffen es noch bis zu unserem Campingplatz am Stadtrand von Mendoza, bevor dem rechten Vorderreifen endgültig die Luft ausgeht. Es braucht zwei Stunden, einen argentinischen Campingplatzbesitzer mit seinem Wagenheber und meine Wenigkeit, um den Reifen an einem chinesischen Pick-up zu wechseln. Ich spreche kein Spanisch und er weder Deutsch noch Englisch. Er sagt etwas auf Spanisch, und ich antworte auf Englisch, ohne verstanden zu haben, was er gesagt hat. Er versteht wiederum nicht, was ich auf Englisch geantwortet habe… aber am Ende ist der Reifen gewechselt.

Als wir hier eintrafen, hätte ich sicher nicht darauf gewettet, dass dieser Herr einem Gringo wie mir behilflich sein würde, zu kühl und fast abweisend war sein Verhalten. Ich hätte es aber besser wissen müssen, schliesslich haben wir bereits ähnliche Erfahrungen gemacht. Am Anfang sind wir nie so ganz sicher, ob das einheimische Gegenüber uns mag oder sich wünscht, wir würden schnell wieder verschwinden. Nach kurzer Zeit merken wir jedoch meistens, dass hinter der abweisenden Schale ein sehr freundlicher und herzlicher Kern steckt. Es schadet nie, einen zweiten Eindruck abzuwarten.

Hoch hinaus zum Finale. Unsere Tage in Argentinien sind gezählt, und auch unsere Reise neigt sich dem Ende entgegen. Von Salta aus geht es nun erneut in Richtung Chile und von dort aus schon bald wieder nach Hause. Drei Monate können sich sehr kurz anfühlen und ich überlege bereits, ob ich zu Hause im Garten ein Zelt aufstelle, so sehr haben wir uns daran gewöhnt. Julias Enthusiasmus hält sich jedoch in Grenzen, weshalb ich diese Idee schnell wieder verwerfe. Wer die Grenze überqueren möchte, der kommt nicht um einen der hoch gelegenen Andenpässe herum. Wir haben uns den Sico-Pass ausgesucht, da die Landschaft dort der Wahnsinn sein soll. Die höchste Stelle des Passes liegt 4580 Meter über dem Meeresspiegel. Der Weg ist zu lang und wohl zu schön, um ihn in einem Rutsch zu fahren. Mindestens zwei Nächte wären ideal, um die nötige Akklimatisierungsphase zu durchlaufen.

Höhenluft. Über den Sico-Pass geht es von Argentinien nach Chile. Auf über 4000 Metern Höhe gibt es Lagunen und dünne Luft.

Auftauen. Das Autorenpaar wärmt sich mit einer heissen Tasse Tee auf – am Ende der Welt herrscht raues Klima.

Wer meine Reisebegleiterin und Routenchefin kennt, der weiss, dass wir es so natürlich nicht gemacht haben – eine Nacht muss reichen, wir sind ja schliesslich jung und sportlich. Die erste Nacht verbringen wir also bereits im Dörfchen San Antonio de los Cobres, das nicht nur die Frage aufwirft, welche Kriegsfilme hier wohl schon gedreht wurden, sondern sich auch in einer Höhe von 3600 Metern befindet. Für die erste Höhennacht ist das einfach zu hoch! Das Ergebnis: Sauerstoffmangel mit einhergehendem Schwindelgefühl, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Am nächsten Morgen sehe ich auch so aus. Kein schöner Anblick, dem ich versuche, mit zwei Schmerztabletten und Kaffee entgegenzuwirken. Der Erfolg stellt sich zum Glück bald ein. Ich werde zwar nicht schöner, aber Schwindel und Kopfschmerzen lassen nach. Vorerst, denn es geht nun noch weiter hinauf. Solange wir im Auto sitzen und Bewegungen auf ein Minimum beschränken, ist alles gut. Als wir aber an einer türkisblauen Lagune vorbeikommen, die von rotbraunen Bergen umgeben ist, müssen wir einfach aussteigen. Mangels Sauerstoffs fühlt sich der Gang ums Auto an wie ein Halbmarathon, aber das ist es wert. Wir haben grosses Glück und durften in den letzten Jahren schon viel von unserem Planeten sehen, aber das hier ist mit nichts zu vergleichen. Wir befinden uns auf über 4000 Metern Höhe, und um uns herum gibt es Berge, die noch viel höher in den blauen Himmel aufragen. Es ist schön, sich winzig zu fühlen. Die Grenze ist bald erreicht, und es wird Zeit, sich zu verabschieden – von unbeschreiblichen Wochen, die wir hier verbracht haben, und von süchtig machenden Landschaften. Wenn wir wieder zu Hause sind, wird die Frage kommen, was denn das Highlight war. Und wir werden darauf keine Antwort wissen, denn alles in allem war jeder Tag in Argentinien und Chile einzigartig.

René Simon ist 37 Jahre alt und mit Julia (33) verheiratet. Vor 3 Jahren kam Tochter Lea zur Welt. Mehrmonatige Reisen standen seitdem nicht mehr auf dem Programm, was aber vielmehr mit neuen beruflichen Herausforderungen zu tun hat als mit dem Nachwuchs. Denn wenn es nach Lea geht, dann dürfte ein Reiseabenteuer gerne das nächste jagen – und es müssen ja nicht immer gleich mehrere Monate sein… hier kannst du ihnen auf Instagram folgen: renesimon_onthemove

Die Reportage erschien erstmals im Globetrotter-Magazin Schweiz. Verpasse keine Ausgabe mehr und abonniere das Globetrotter-Magazin hier.

Der Darién Gap oder das Ende der langen Strasse

Der Darién Gap oder das Ende der langen Strasse

Der Darién Gap oder das Ende der langen Strasse

 

Ein Team von US-Veteranen begibt sich auf eine 31‘400 Kilometer lange Fahrt von Alaska zum Darién Gap zwischen Panama und Kolumbien.

Wir öffneten das sechs Meter hohe Garagentor kurz vor 3:00 Uhr morgens. Die Temperatur in der Wellblechhütte aus dem Zweiten Weltkrieg sank, als der Wind Schnee und Eis hereinwehte.

Einer nach dem anderen schoben wir die Motorräder mit Beiwagen nach draussen in den Schnee, der sich am Eingang zu unserer Unterkunft angesammelt hatte. Bei intensivem Halogenlicht trafen wir die letzten Vorbereitungen für unsere Reise nach Südamerika. “Ich arbeite hier in Deadhorse, Alaska, seit meinem 20. Lebensjahr, und ich habe hier oben im Winter noch nie Motorräder gesehen”, sagte ein Zuschauer. Mitten auf dem grossen, windumtosten Parkplatz gab ich Ushuaia, Argentinien, auf meinem Handy in Google Maps ein. “Route nicht verfügbar” war die Antwort.

Bis heute wissen die meisten Menschen nicht, dass es keine durchgängige Route zwischen Nord- und Südamerika gibt. Das Haupthindernis ist der Darién Gap, eine 160 Kilometer lange Strecke durch den Dschungel und Heimat der Kuna-Indianer, auch als El Tapón bekannt. Er wurde nur wenige Male und nur in der Trockenzeit von Januar bis April durchquert und stellt eine grosse logistische Herausforderung dar.

Simon Edwards und Rich Doering suchen in einem verlassenen Haus Schutz vor den Baja-Winden, wo sie die nächsten sechs Grenzübergänge planen.

Unsere Entscheidung, die Expedition am 11. November zu starten, war sowohl strategisch als auch symbolisch. Das Team bestand hauptsächlich aus Veteranen der US-Armee aus dem Irak(-Krieg) und Afghanistan. Und die Abfahrt am Veteran’s Day bedeutete, auf der ersten Etappe der Reise, dem Dalton Highway von Prudhoe Bay, Alaska, nach Fairbanks, würde weniger LKW-Verkehr herrschen – ein grosser Vorteil auf den schmalen, schneebedeckten Kurvenstrassen den Atigun-Pass, 240 Kilometer nördlich des Polarkreises, hinauf.

Motorräder mit zwei und drei Rädern

Mit speziell konzipierten Seitenwagen, Zusatzscheinwerfern, Ersatzbatterien und beheizter Ausrüstung fuhren wir die 4‘800 Kilometer von Alaska und Kanada aus in etwas mehr als zwei Wochen. Nur ein Unfall hielt uns auf. Ein ausser Kontrolle geratenes Auto erwischte einen Fahrer von der Seite; sein Bike wurde noch in derselben Woche repariert.

Zwei Wochen lang quälte uns die Kälte, froren unsere Augenlider ein und es litt jedes Stück nicht bedeckter Haut.

In Bend, Oregon, liessen wir die Beiwagen zurück und fuhren auf zwei Rädern weiter nach Mexiko und Mittelamerika. Nach Temperaturen bis minus 25 Grad waren Kalifornien und die Wärme der Baja California in Mexiko eine willkommene Erleichterung.

Die längeren, wärmeren Tage in Kalifornien und Baja brachten eine willkommene Erleichterung von dem nasskalten Wetter im pazifischen Nordwesten – das Fahren wurde wieder angenehmer und wir konnten unter den Sternen schlafen.

Bis zu unserer Ankunft in Yaviza, Panama, am 10. Januar stand es infrage, ob wir die endgültige Genehmigung zur Durchquerung des Darién-Nationalparks erhalten würden. Wir lagen fünf Tage hinter unserem ursprünglichen Zeitplan, aber die Gefahr, in Panama City abgewiesen zu werden, trieb uns wieder auf unseren Weg durch Mittelamerika; den Weihnachtstag verbrachten wir in Guatemala und in Costa Rica feierten wir eine Nacht mit einem KLR-Club.

Seit den ersten Darién Gap-Durchquerungen in den 60er, 70er und 80er Jahren ist die politische Situation zwischen Panama und Kolumbien angespannt.

Ohne Strassen oder Brücken, mit nur wenigen Dörfern und einem dichten, tückischen Dschungel voller Insekten und giftiger Schlangen, ist das Gebiet seit Langem Heimat für Drogen- und Menschenhändler sowie paramilitärische, regierungsfeindliche Gruppen.

Als wir in Panama City ankamen, erreichte uns die Nachricht, wir dürften den Dschungel durchqueren, vorausgesetzt, eine bewaffnete Senafront-Grenzpatrouille Panamas würde uns bis zur kolumbianischen Grenze begleiten.

Die Strasse endet in Yaviza, einem kleinen Dorf am Fluss, das als zentraler Handelsposten am Rande des Dschungels dient. Am Ende der Strasse überquert eine schmale Hängebrücke den Chucunaque River, dann führt ein schmaler Fussweg nach Süden in den riesigen, unberührten Dschungel von Darién.

Wir luden vier Motorräder auf schmale Einbaumkanus aus massivem Hartholz, die von kleinen Aussenbordern angetrieben wurden. Zwei Tage später, erreichten wir bei ungewöhnlich heftigen Regenfällen das Dorf Paya, die letzte Stadt im Dschungel bevor es nach Kolumbien geht.

Im Nirgendwo zwischen Panama und Kolumbien

Die starken Regenfälle und der tiefe Schlamm verlangsamten das Fortkommen auf den Motorrädern. Nach nur wenigen Kilometern streikte die Kupplung eines Bikes. Die anderen drei schafften es am nächsten Tag noch ein paar Kilometer weiter, bevor auch sie aufgaben.

Mit Hilfe der dort ansässigen Kuna-Indianer begannen wir, die Motorräder mühsam von Hand zu ziehen.
Wir schlugen Schneisen in den Dschungel und arbeiteten mit Flaschenzug und Seilen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, assen Reis und Kochbananen und filterten schlammiges Wasser zum Trinken.

Gegen Ende des achten Tages überquerten wir den Atrato-Sumpf per Boot und tauschten den Darién-Dschungel gegen die Stadt Turbo. Ein paar Tage Erholung folgten, wir besorgten Ersatzteile für die Bikes, dann waren wir wieder auf der Strasse. Von Cartagena reisten wir nach Süden in das berühmte Kaffeeanbaugebiet Kolumbiens, und nach einer dringend benötigten Pause weiter in Richtung Peru. Wir trafen uns mit Freunden, wanderten in den Bergen um Machu Picchu und planten die letzte Etappe unserer Route.

Je weiter wir nach Süden kamen, desto stärker wurde uns bewusst, dass der Winter nahte. Schwere Regenfälle folgten uns auf der Carretera Austral durch Chile und ins südliche Argentinien, wo uns starke Winde und gelegentliche Schneefälle bremsten. In fünfeinhalb Monaten auf der Strasse hatten wir etwas über 31‘400 Kilometer zurückgelegt und kamen Mitte April in Ushuaia, Argentinien, an.

In der glühenden Hitze des Dschungels

Teamarzt Simon Edwards und ein einheimischer Kuna-Führer mühen sich ab, eines der vier 300 Kilogramm schweren Adventure Bikes über eine tiefe Schlammschlucht im Herzen Panamas zu heben.

Nur drei der Motorräder schafften es durch den Darién.

Am 10. Januar erreichten wir schliesslich Panama und begannen unsere Reise flussaufwärts durch den Darién-Dschungel. Ungewöhnlich starke Regenfälle liessen die Flüsse anschwellen und überspülten Strassen und Wege. Mit den Worten eines Teammitglieds: “Nach drei Jahren Planung und monatelanger Sorge stehen wir endlich dem Monster gegenüber.”

Scheinbar resistent gegen die Hitze und Luftfeuchtigkeit arbeiteten die Angehörigen des heimischen Kuna-Stammes pausenlos und halfen, den Dschungel von Ranken und umgestürzten Bäumen zu befreien.

Der Dschungel ist eine mächtige Bestie

Wir wechselten uns ab beim Fahren, Schieben und Ziehen der Motorräder durch den dichten Dschungel, der langsame und ermüdende Prozess war frustrierend.

Wir fanden schnell heraus, dass wir die schweren Adventure Bikes unmöglich durch den Dschungel “fahren” konnten, da jedes Motorrad knapp 300 Kilogramm wog.
Ranken griffen nach unseren Händen und Wurzeln blockierten die Vorderreifen, so dass wir umkippten. Ungefähr alle 30 Meter hielten wir an, um Schlamm, Zweige und Ranken aus Kette, Zahnrädern und Schutzblechen zu entfernen.

Am Ende des zweiten Tages hatte der knietiefe Schlamm die Motorräder schwer mitgenommen. Ein Bike mussten wir im Dschungel zurücklassen, zwei weitere hatten ausgebrannte Kupplungen.

Jeden Tag plagten uns Giftschlangen, Skorpione, beissende Ameisen, Bienen und schwarze Stechpalmen. Unser morgendliches Mantra lautete: Check deine Stiefel!
Die Anwesenheit der panamaischen Grenzpatrouille erinnerte uns an die ständige Bedrohung durch Drogenschmuggler oder Menschenhändler.
Nach zwei anstrengenden Tagen, an denen wir die Bikes mit Seilen und Flaschenzügen nur wenige Meter vorwärtsbewegen konnten, schlugen wir ein Lager auf und diskutierten unsere weiteren Möglichkeiten.

Nach einem weiteren Tag im Dschungel war alles schlammbedeckt. Mit jedem Schritt wurden unsere Stiefel schwerer. Der Schlamm verschlang unsere Energie, zerstörte unsere Ausrüstung, schwächte die Moral.

Die Motorsägen waren uns voraus, ihr entferntes Summen durchbrach gelegentlich die Stille. Ohne das Stöhnen und Schreien der Männer, die sich abmühten, die Motorräder zu ziehen, war der Dschungel ein unheimlicher Ort. Wenn man nur wenige hundert Meter zurückfällt, fühlt man sich plötzlich sehr einsam im unendlichen, grünen Laub.

Obwohl die Kupplungen der Bikes vom Fahren im tiefen Schlamm unbrauchbar waren, beschlossen wir, weiterzumachen.

Mit Seilen und einem 1:4 Flaschenzug bewegten wir uns Meter um Meter vorwärts.

An der Grenze von Panama zu Kolumbien

Hier schlossen sich uns Angehörige des Wounaan-Stammes aus dem Dorf Cristales an. Mit frischem Mut und den zusätzlichen Arbeitskräften holten wir verlorene Zeit auf.

Nach fünf Tagen begannen dichter Dschungel, schwarze Stechpalmen, Hitze und Luftfeuchtigkeit, dem Team zu schaffen zu machen; Teamwork wurde für uns überlebenswichtig.

Blasen, Insektenstiche und Fussbrand erinnerten uns mit jedem Schritt an unsere mangelnde Vorbereitung.
Jeder Fluss brachte willkommene Erleichterung, zum Ausruhen, um Mittag zu essen und den Schlamm von der Kleidung zu waschen.
Einer unserer Kuna-Freunde kochte stärkehaltige Bananen und Reis zum Abendessen und zum Frühstück am nächsten Tag. Jeden zweiten Tag genossen wir eine Dose Spam dazu, ein bisschen Luxus nach einem langen Tag Arbeit und Schweiss.

Die Freude, als wir das kolumbianische Flussnetz zu erreichten, das in den grösseren Atrato-Fluss mündete, war von kurzer Dauer. Nach nur einer Stunde Bootsfahrt stiessen wir auf unser letztes grosses Hindernis im Darién, den Atrato-Sumpf.

Jede Biegung im Sumpf bedeutete, Schlamm zu beseitigen, umgestürzte Bäume wegräumen und die schweren Piraguas (Einbaumboote) manchmal auf Händen und Knien, Zentimeter um Zentimeter, flussabwärts zu ziehen.
So nahe am offenen Fluss hatten wir das Gefühl, der Dschungel unternehme einen letzten Versuch, uns aufzuhalten.

Auf die Strapazen des Darién Gap folgte die Bürokratie

Nach acht Tagen im Darién erreichten wir die Stadt Turbo, unser Tor nach Südamerika. Wir reparierten die Bikes und schlugen uns noch ein paar Tage mit der Bürokratie Kolumbiens herum, bevor wir schliesslich mit Fotos bezeugen konnten, dass wir über die Nordwestgrenze nach Kolumbien gekommen waren.

Die offiziellen Strassen und selbst verkehrsreiche Städte waren eine willkommene Abwechslung zu den Erfahrungen im Dschungel.

Zum grössten Teil flog Südamerika viel zu schnell an uns vorbei; wir befanden uns kurz vor dem Ziel in Ushuaia und wünschten uns, wir hätten mehr Zeit, noch all die Nebenstrassen zu erkunden.

Am Ende unserer fünfmonatigen Reise erreichen wir den südlichsten Punkt von Ushuaia, nach 31‘400 km auf dem Panamerican Highway und einer lückenlosen Motorradtour durch den berüchtigten Darién Gap. Einerseits waren wir erleichtert, dass wir es geschafft hatten, aber auch traurig, dass es schon vorbei war.

Die meisten von uns fragten sich, welches Abenteuer uns wohl als nächstes erwarten würde.

Fotos: Jake Hamby, Alex Manne

Mit dem Dachzelt durch Patagonien

Mit dem Dachzelt durch Patagonien

 

Santiago De Chile 7. November 2016: Alles auf Anfang. Nur wir und unsere Backpacks. Entgegen den meisten anderen “Overlandern“ entscheiden wir uns aus verschiedensten Gründen dafür, kein Auto aus der Heimat mitzubringen, sondern alles Notwendige vor Ort zu besorgen. Dies sollte sich als eine Aufgabe herausstellen, welche, Zitat Max: „höchstens 3 Wochen“ in Anspruch nehmen wird. Letztendlich verbringen wir jedoch knapp die doppelte Zeit in jener undurchsichtigen und chaotischen Grossstadt, in welcher selbst der Kauf einer einfachen Kochstation eine Tagesaufgabe werden sollte.

Nach einigen Autobesichtigungen steht die Entscheidung fest. Es wird ein Nissan X-Trail, Baujahr 2010 mit gut 120’000 km. Für den notwendigen Komfort legen wir uns ein Dachzelt der Marke Autohome zu. Jenes schützt uns auf Grund seiner aerodynamischen Form und dem glasfaserverstärkten Kunststoff vor Windgeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h (die nackte Wahrheit zeigt sich im Praxistest) und lässt durch den firmeneigenen atmungsaktiven Airtex-Stoff auch keine Feuchtigkeit ins Innere. “Mit dem Dachzelt durch Patagonien“ in Kombination mit zuschaltbarem Allradantrieb, verspricht uns somit die absolute Freiheit jederzeit, unkompliziert und überall ein Nachtlager zu errichten und dabei gleichzeitig die uneingeschränkte Verbundenheit mit der Natur geniessen zu dürfen. Ein Traum wird wahr!

Mit dem Dachzelt durch Patagonien – Herausforderung angenommen! Unser Abenteuer Offroad beginnt am 15. Dezember 2016

Chile Patagonien

Nach schnell überwundenen 800 km Panamericana verlassen wir den Highway und sollten jenen auch für knapp drei Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Zu sehr verlieren wir uns in dem Gebiet mit den unzähligen Flüssen und Seen, welche die gleichnamigen Regionen De Los Rios und De Los Lagos kennzeichnen. Zudem dürfen wir die Allrad Fähigkeit unseres Autos zum ersten Mal auf einem erkalteten Lavastrom rund um den Vulkan Llaima testen. Jedoch fordern die allgegenwärtigen Gravelroads unseren treuen Gefährten nicht wirklich. Wir beschliessen daher an einem Zustrom des atemberaubenden Lago Caburgua “Scottys“ Wassertauglichkeit unter Beweis zu stellen. Trotz mehrerer Angstschreie Melli ́s – Prüfung erfolgreich bestanden!

Um dem Strom der meisten anderen Südamerika Reisenden zu entgehen, entschliessen wir uns die Reise gen Süden nicht über Isla Grande De Chiloe fortzusetzen, sondern wählen den weitaus weniger erschlossenen Abschnitt entlang des Festlandes, beginnend ab Puerto Varas bis hin zu 43,7° südlicher Breite, dem offiziellen Ende der Seenregion. Der Chilene beschreibt eben jenen Abschnitt als ausserordentlich „boniiiito!!“. Schön Ja, auf alle Fälle! – wären da nur nicht die unberechenbaren Witterungsverhältnisse Patagoniens, die uns trauriger Weise 14 Tage Regenwetter und Kälte bescheren. Nun heisst es vor allem für Melli Zähne zusammen beissen, das Dachzelt wird schon halten was es verspricht. Eine Erfahrung die uns allemal auf die folgenden klanghaften Regionen Aysen Del General Carlos Ibanez Del Campo und Magallanes Y De La Antartica Chilena vorbereiten sollte.

Von der Carretera Austral auf die Routa 40

Irgendwo zwischen den beiden nichtssagenden Orten Llahuepe und Contao fahren wir nun endlich auf die für uns schönste Strasse Südamerikas, die Carretera Austral. Viel zu kurz erscheinen uns diese rund 1000 km, nachdem wir in Chile Chico das Land verlassen und erstmals argentinischen Boden betreten. Auf geile Natur folgt Pampa pur! Die legendäre Routa 40 hat hier im Süden nicht allzu viel zu bieten. Glücklicherweise bespassen uns die allgegenwärtigen Guanacos, Nandus und Gürteltiere in regelmässigen Abständen. Zum Teil sind mit dem Auto nicht mehr als 40 km/h drin, trotz neuer Goodyear Adventure Reifen, denn die abfallenden Winde des Nationalparks Los Glaciers stehlen einem regelrecht den Atem. Auch die Variante Dachzelt ist unter den gegebenen Bedingungen, so muss es sich nun selbst Max eingestehen, alles andere als optimal. Weit und breit kein Baum in Sicht; die patagonischen Winde rauben uns den Schlaf. Die Belohnung folgt zu Tage: Mount Fitz Roy und der Gletscher Perito Moreno sind eines der absoluten Highlights unseres gesamten achtmonatigen und sechs Länder umfassenden Road-Trips.

Borderhopping zwischen Chile und Argentinien

Insgesamt überqueren wir die berüchtigte chilenisch-argentinische Grenze erfolgreiche fünf Mal, bei nur einem Fehlversuch. Da wir stets darauf bedacht sind die grossen Grenzübergänge zu meiden, um uns nicht hinter den vielen Touristenbussen anstellen zu müssen, werden wir ironischerweise an der wohl kleinsten und sicherlich südlichsten Grenze der Welt ausserhalb der Antarktis, dem Paso Rio Bellavista, abgelehnt. Laut des Grenzers` Smartphones und seines eilig gegoogelten Paragrafen Nummer §123, Absatz 456, sind wir als Deutsche nicht berechtigt mit einem chilenischen Auto das Land zu verlassen. Alles diskutieren ist zwecklos, wir müssen den insgesamt gut 250 km langen Umweg und den gewöhnlichen Grenzübergang bei San Sebastian, Tierra Del Fuego, in Kauf nehmen.

Die Strassenbedingungen deuten in diesem Teil des Landes jedoch nicht auf einen gemütlichen Sonntagsausflug hin. Einen ganzen Tag später befinden wir uns wieder auf unserer ursprünglich geplanten Route gen Fin Del Mundo.Nun kann uns nichts mehr aufhalten, nicht einmal drei!! platte Reifen innerhalb einer Woche und eine völlig zerschlissene Kupplung, um welche wir uns am südlichsten Ende der Zivilisation zu kümmern haben. Somit schleppen wir uns mit Scotty und letzter Kraft an das heimliche Ziel unserer Reise: Ushuaia. Wir verabschieden uns von Patagonien nach weiteren vier Wochen und 5000 Kilometern. Entlang der Atlantikküste, vorbei an Pinguin- und Seelöwenkolonien, quer durchs argentinische Flachland und die unendlichen Weiten, bis hin zu den abermals hoch aufragenden Anden bei El Bolson und Bariloche. Als Höhepunkt winken uns auf Peninsula Valdez die Orcas zum Abschied zu.

  

 

 

  

 

  

Unser Fazit: “Mit dem Dachzelt durch Patagonien“ versprach uns die absolute Freiheit gänzlich selbstbestimmt unsere Route quer durch dieses geheimnisvolle und teilweise noch unerschlossene Gebiet zu wählen. Der während des Reiseverlaufs immer weiter zunehmende Respekt vor dem Wind und die Ausgesetztheit gegenüber den allgegenwärtigen Naturgewalten zwangen uns jedoch zunehmend, meist dichte Bewaldung für die Nacht aufzusuchen. Die dadurch erzwungene Isolation bescherte uns zwar mindestens 30 ungestörte Lagerfeuer, doch auch dem besten Team gehen irgendwann die Gesprächsthemen aus.

Wer sich somit in der völligen Abgeschiedenheit wohl fühlt, wem Kälte, Nässe und Wind nichts ausmachen, dem sei diese Variante wärmstens ans Herz gelegt. Wer mehr Wert auf Komfort und Wärme legt, dem ist damit falsch beraten. Wir für unseren Teil wollen festhalten, dass das Reisen durch Patagonien mit zuschaltbarem Allrad, bestens geeignet ist; im Nachhinein sogar ein Muss! Denn nur so können auch jene Gebiete erreicht werden, welche dem Normalreisenden, den VW-Bus Besitzern und den mobilen Wohnern verwehrt bleiben. “Mit dem Dachzelt durch Patagonien“ – Herausforderung bestanden!

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