Unterwegs mit den Bachtiaren-Nomaden im Zagros-Gebirge
Seit Jahrhunderten ziehen die Bachtiaren-Nomaden jährlich mit ihren Herden über 300 Kilometer durch das schneebedeckte Zagros-Gebirge. Es ist eine der spektakulärsten Formen des Hirtenwesens weltweit. Trotz neuer Strassen hat sich an der Härte ihres täglichen Lebens wenig geändert.
Wir hatten die Gelegenheit, einige Bachtiaren-Familien zu besuchen, mit ihnen durch wunderschöne Täler mit türkisblauen Flüssen zu wandern und bei ihnen in eiskalten Nächten zu übernachten. Wir trafen auf eine herrliche Landschaft und eine überwältigende Gastfreundschaft.

1925 kam der Film «Grass – A Nation’s Battle for Life» in die amerikanischen Kinos. Dieser Stummfilm ist einer der frühesten ethnografischen Dokumentarfilme . Die späteren Macher von «King Kong» schildern darin in dramatischen Schwarz-Weiss-Bildern, wie 50 000 persische Bachtiaren-Nomaden (siehe Box am Ende des Beitrags)mit ihren Herden in tagelangen Märschen über das Zagros-Gebirge ziehen auf der Suche nach Gras und saftigen Weidegründen. Sie überqueren dabei mehrere schroffe Bergketten mit bis zu 3000 Meter hohen Pässen, reissende Flüsse und zuletzt das Massiv des Zard Kuh, mit 4548 Metern der höchste Gipfel des Zagros-Gebirges.

Uns erschüttert die mangelnde Wertschätzung. Die städtischen Iraner nehmen die Nomaden als Menschen wahr, die in einem früheren Stadium der Zivilisation stehen geblieben seien.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Der Blick des Bachtiaren schweift über das fruchtbare Tal, das vom schneebedeckten Zagros-Gebirge begrenzt wird.
All the world’s afoot – on the move to grass!

Seit dem 13. Jahrhundert migrieren die Bachtiaren im April und im Oktober mit ihren Ziegen-, Schaf- oder Rinderherden zwischen den Hochplateauweiden von Chahar Mahaal und der 300 Kilometer entfernten Tiefebene im nordöstlichen Chuzestan. Ihre 15 bis 45 Tage dauernde Migration – auf persisch kuč – gehört zu den spektakulärsten unter den Pastoralisten weltweit. Sie müssen ihre Migration mit äusserster Sorgfalt planen, um die Risiken von überraschendem Schneefall, Überschwemmung von Gebirgsflüssen und mangelnder Beweidung zu minimieren. Dennoch forderte die kuč jedes Mal einen hohen Tribut. Die Nomaden erlitten häufig Unfälle und Viehverluste, wenn sie über schneebedeckte Pfade und durch felsige Schluchten kletterten und die Tiere schwimmend oder auf Flössen aus aufgeblasenen Ziegenhäuten über die während der Schneeschmelze tobende Flüsse übersetzten.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Die Bachtiaren-Nomaden auf ihrer jahreszeitlichen Wanderung, wie sie es schon seit Jahrhunderten tun.
Die beiden Kameramänner Cooper und Schoedsack und die Reisejournalistin Marguerite Harrison waren die ersten Westler, die die Bachtiaren auf ihrer für Mensch und Tier herausfordernden Migration begleiteten. 1976, also gut 50 Jahre später zeigte Anthony Howarth in seinem Dokumentarfilm «People of the Wind» ein praktisch unverändertes Bild der beschwerlichen kuč, nur diesmal mit Ton und in Farbe . Es wird im Film allerdings erwähnt, dass es bereits Strassen gibt, auf denen Familienangehörige und Umzugsgut die neuen Weidegründe erreichen können.

Knapp 100 Jahre später reisen wir ins Zagros-Gebirge und folgen den Spuren der Filmemacher. Wir wollen uns ein Bild machen, wie sich das Nomadenleben der Bachtiaren seit dem ersten Filmportrait verändert hat.

Es ist nicht ganz einfach, die Nomaden in diesem riesigen Gebirge zu lokalisieren. Wir versuchen es zunächst in Chelgerd. Dort sind die Berge immer noch bis tief in die Täler mit Schnee bedeckt. Für die Migration sei es deshalb noch zu früh, teilen uns die Dorfbewohner – sesshafte Bachtiaren – mit. Die Männer – ob jung oder alt – erkennt man sofort an ihrer typischen Kleidung als solche: Pluderhosen, eine schwarze, haubenförmige Filzkappe auf dem Kopf und oft eine Chokha, eine bis an die Knie reichende, offen getragene Kurzärmeljacke, die in einem an Klaviertasten erinnernden Muster gewoben ist. Bei den Frauen ist die Kleidung weniger charakteristisch: Die Mädchen und jungen Frauen sind farbig gekleidet mit langen Röcken und Kopftüchern, die älteren völlig in schwarz.

Typisch gekleidete Bachtiaren-Nomaden.
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Unterwegs im Zagros-Gebirge.
Die Strassen winden sich kurvenreich durch wunderschöne Täler mit türkisblauen Flüssen und über die teilweise immer noch schneebedeckten Pässe des Zagros-Gebirges. Bezüglich Schönheit kann es sich mit den Alpen messen. Unser erstes Ziel ist der Fluss Karun, den die Nomaden mitsamt ihren Tieren auch heute noch auf Flössen aus Ziegenhäuten durchqueren müssen. Es soll ein grossartiges Schauspiel sein, erzählen uns unsere Begleiter.

The mighty river Karun!
Die für den Übergang bevorzugte Stelle befindet sich in der Nähe einer kleinen Siedlung. Unweit vom Ufer hat sich eine Bachtiaren-Familie ein Haus mit einem grossen Innenhof gebaut. Sämtliche täglich anfallenden Arbeiten werden ausgeführt, als ob sie noch mit dem Zelt unterwegs wären. Die Frauen spinnen die Schafwolle mit einer Handspindel und das papierdünne Fladenbrot wird vor dem Haus gebacken. Die Milch der Ziegen und Schafe wird zu Kashk – kleinen Trockenkäsekugeln – verarbeitet und auf einem Holzgestell getrocknet. Sie sind besonders lecker, da sie durch die nahe gelegene Feuerstelle einen dezenten Rauchgeschmack erhalten. Auf meine Frage, welches Holz er verwendet, weist der Gastgeber auf den gegenüberliegenden Hügel. Er ist übersäht mit prächtigen Zagros-Eichen. Sassan zeigt mir eine schmale, längliche Eichel und bestätigt, dass diese essbar sei. Nicht nur die Tiere profitieren von der Frucht, auch die Menschen bereiten aus ihr ein schwarzes Brot zu. Damit ist sie eine Hauptnahrung für die Bevölkerung in diesem Gebiet. Die Bäume liefern nicht nur Holz und Nahrung für Tier und Mensch, sondern auch Schatten zum Nutzen niederer Anpflanzungen und sie speichern auch Wasser und verhindern Bodenerosion und Überschwemmungen. Umso wichtiger erscheinen Information und Schulung der Bevölkerung zum Erhalt und der nachhaltigen Nutzung der Wälder. Im Frühling gab es eine Überschwemmungs-Katastrophe, in der mehrere Menschen den Tod fanden. Als eine wesentliche Ursache dafür sehen Experten den massiven Rückgang des Zagros-Waldes. Er hat aufgrund des Klimawandels, verbunden mit Trockenheit, in den letzten 10 Jahren gegen eine Million Hektaren an Fläche eingebüsst. Mittlerweile ist es gesetzlich verboten, den Wald weiter abzuholzen.

Bei der Produktion des traditionellen Fladenbrotes, Lavash genannt, setzen unsere Gastgeber anstelle des Holzofens bereits auf Gas. Die ihrem Alter entsprechend ganz in schwarz gekleidete Hausherrin sitzt am Boden und bereitet den Teig zu. Aus einer grossen Schüssel formt sie viele kleine Teigklumpen. Mit grosser Eleganz wirft sie diese über einen Holzstab durch die Luft, bis sie hauchdünn sind. Danach werden sie auf eine grosse, bombierte Metallplatte platziert und schwungvoll kurz beidseitig gebacken. Natürlich dürfen wir sofort das noch warme Brot probieren. Wir werden zum Tee eingeladen, nachdem für uns auf dem Holzgestell ein wunderschöner, selbstgeknüpfter Teppich ausgelegt wurde. Es gibt so vieles zu beobachten und zu fragen, dass wir fast den Grund unseres Besuches vergessen. Auf unsere Frage, wann wohl die Überquerung des Flusses durch die Nomaden stattfinden werde, erhalten wir die Antwort: vielleicht in einer Woche, Inshallah. Wegen der starken Niederschläge hat es in den Bergen noch zu viel Schnee und in den Flüssen zu viel Wasser.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Ein Nomadenzelt, traditionell aus gewebter Wolle gefertigt und durch eine prächtige Eiche vor Wind und Sonne geschützt.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Wir werden zum Tee eingeladen, den wir zusammen mit den Bachtiaren auf dem Teppich vor dem Zelt geniessen.
Sassan schlägt deshalb vor, den Nomaden entgegenzufahren. Er kennt ihre Migrationsrouten und ist sicher, dass wir auf die Verwandten seiner Frau treffen werden. Unterwegs entdecken wir auf einer Hügelkette Zelte. Mohammad und Sassan gehen auf die Männer zu und erklären ihnen unser Anliegen. Sofort werden wir zum Tee eingeladen, den wir mit ihnen zusammen auf dem vor dem Zelt ausgebreiteten Teppich geniessen. Danach zeigt uns der Chef des Clans einen nahegelegenen Felsabbruch, von dem aus unser Blick über das grüne Tal wandert, das erst in weiter Ferne von Schneebergen begrenzt wird. Überall verstreut grasen Schafe und Ziegen. Sassan hat erfahren, dass seine Verwandten hinter dem nächsten Hügel lagern. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und machen uns auf den Weg, zuerst steil hinunter, dann wieder steil hinauf und um den Hügel herum. Die Hirtenjungen haben uns entdeckt und kommen scheu auf uns zu und begleiten uns zum Familienzelt. Die Esel und Pferde, die im Schatten der grossen Eichen ruhen, und die atemberaubende Aussicht auf die malerischen, schneebedeckten Gipfel lassen alles sehr idyllisch aussehen. Aber auch hier gab es im Frühling heftige Regenfälle. Opfer gab es zum Glück keine zu beklagen. Allerdings hielten die traditionellen Zelte aus gewobener Wolle nicht dicht und die Strassen wurden verschüttet. Die Regierung hat etwas Hilfe geleistet. Die Zeltplachen sind mittlerweile aus Kunststoff, die dem Wetter besser standhalten. Innen sind die Zelte unverändert nur mit dem Allernötigsten möbliert: einer Feuerstelle, einem abgewetzten Teppich, Kleiderkisten, Decken und Kissen und den elementarsten Küchenutensilien.

Die hochschwangere, aber noch farbig gekleidete Schwiegertochter kocht uns Tee und hilft zwischendurch der gerade von der mehrere Kilometer entfernten Wasserstelle zurückgekehrten 17-Jährigen beim Entladen der beiden Esel. Mittlerweile sind alle Herden von der Weide zurückgekehrt. Die Hirtenhunde tollen ums Zelt und scheuchen dabei die Hühner auf. Die Sonne ist untergegangen und wir schauen uns um nach einer schönen Schlafstelle. Sassan schlägt die in der Nähe der Zelte stehende, riesige Zagros-Eiche vor. Sie ist ein Bilderbuchbaum. Wir werden die Nacht unter ihren Ästen verbringen. Zuvor werden wir von der Mutter noch reich beschenkt mit einem Sack voll Kashk. In den nächsten Wochen werden unsere Zwischenmahlzeiten daraus bestehen.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Jeden Tag verarbeiten die Frauen Ziegen- und Schafsmilch zu Joghurt und Trockenkäse, indem sie die gefüllte Ziegenhaut hin und her schwingen.
Schon vor Sonnenaufgang herrscht emsiger Betrieb im Lager. Die Frauen und Mädchen melken Ziegen und Schafe. Die Milch kochen sie auf offenem Feuer ab schütten sie dann in eine Ziegenhaut, welche an einem dreibeinigen Holzgestell aufgehängt ist. Im Schneidersitz daneben sitzend und über längere Zeit die gefüllte Ziegenhaut hin- und herschwingend, nimmt die Mutter dennoch aufmerksam am Geschehen rund ums Lager teil. Sie erteilt den Jüngeren Befehle und zieht gelegentlich ihr schwarzes Kopftuch zurecht. Sie ist eine Frau mittleren Alters, mit einem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht, das sie älter wirken lässt und das Geschichten erzählen könnte. Sie wirkt zäh, und es ist offensichtlich, dass sie eine sehr starke Frau ist – eine Säule der Familie. Die Bachtiaren-Frauen werden von allen respektiert, aber sie haben den Respekt durch harte Arbeit erlangt. Die harte Arbeit, das Fehlen von Rechten und das Wissen, dass andere iranische Frauen ein leichteres Leben führen, haben viele nomadische Frauen zu Befürworterinnen des Wandels gemacht. Umgekehrt empfinden wir hier bei den Nomaden die Diskrepanz zwischen staatlich-religiösen Vorschriften und tatsächlich gelebtem Leben nicht als so offensichtlich wie in den städtischen Verhältnissen, wo Regelverstösse gegen die von den Mullas erlassenen Vorschriften zum alltäglichen Sport der Iraner gehören. Trotz vieler Entbehrungen geniessen die nomadischen Frauen heute immer noch mehr Freiheiten als die sesshaften.

Dass die Zahl der Nomaden im Iran in den letzten Jahren stabil geblieben ist und dass Präsident Hassan Rohani sie als Vorbild beim Schutz der Umwelt bezeichnet hat, lässt hoffen.

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Nicht alle Familienmitglieder führen ein Nomadenleben. Der Junge fühlte sich stark von dem Motorrad des zu Besuch weilenden Onkels angezogen.
Sehr entspannt geht es am Vormittag im und ums Nomadenzelt zu und her. Einer der alten Männer mit seiner dekorativen schwarz-weissen Klaviertastatur-Weste sitzt gemütlich auf dem Teppich und raucht genüsslich seine handgefertigte, tönerne, etwa 10 Zentimeter lange, vierkantige Pfeife. Männer und Kinder bestaunen das Motorrad, mit welchem ein Onkel der Familie einen Besuch abstattet. Die Nomaden nutzen gerne die neuen Technologien, seien dies Transportmittel oder Mobilephones. Die harte Lebensweise wird dadurch erleichtert und vielleicht gerade deshalb nicht aufgegeben. Was uns immer wieder erschüttert hat, ist die mangelnde Wertschätzung durch die städtischen Iraner. Sie nehmen die Nomaden als Menschen wahr, die in einem früheren Stadium der Zivilisation stehen geblieben seien. Auf unsere Frage, ob Nomaden oder sogenannte zivilisierte Stadtmenschen für die globale Umweltzerstörung mehr verantwortlich zeichnen, ernten wir anfänglich wenig Verständnis. Mohammads Rückmeldungen zum Abschied bestätigen uns aber, dass wir zumindest zum Nachdenken angeregt haben.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Nach einer weiteren erholsamen Nacht, in der uns das Bimmeln der Ziegenglocken in den Träumen begleitet hat, verabschieden wir uns von Sassans Verwandten. Kaum sind wir wieder auf der Hauptverkehrsstrasse angelangt, kommen uns mehrere Viehtransportlaster entgegen, vollbepackt mit blökenden Ziegen. Wer es sich leisten kann, lädt die Tiere und sein Hab und Gut auf einen Laster und bringt so die 300 Kilometer zu den neuen Weidegründen in zwei Tagen hinter sich. Andere mieten sich ein Fahrzeug, um Familie, Zelt und alle anderen Habseligkeiten zu transportieren; die Tiere wandern derweil mit zwei Schäfern über die Berge. Den Übrigen bleibt nach wie vor nichts anderes übrig, als den Weg zweimal im Jahr unter die Füsse zu nehmen. Die Hirten gehen jedoch nicht mehr wie vor 100 Jahren barfuss über die verschneiten Pässe. Die Regierung hat in den letzten Jahren die Migration erleichtert, indem sie Strassen und Brücken baute, die Route verbesserte und unterwegs Futtermittel für die Tiere zur Verfügung stellt. So können die Nomaden über lange Strecken – wie bei uns bei der Alpfahrt – ihre Herden auf geteerten Strassen bewegen. Damit können die schwierigsten Passübergänge vermieden werden und die kuč verliert etwas von der in beiden Filmen nicht übertrieben dargestellten Dramatik.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Heutzutage laden diejenigen, die es sich leisten können, ihre Herden und ihr Hab und Gut auf einen Lastwagen, um die 300 km in zwei Tagen zu bewältigen.
Nach zwei weiteren Passüberquerungen treffen wir zunächst nur vereinzelt, dann immer häufiger auf grosse Schaf- und Ziegenherden, zwischendurch auf einige Esel, bepackt mit Haushaltgerätschaften. Die Frauen und Männer sind zu Fuss unterwegs, um die Herden zusammenzuhalten. Die kleinen Kinder werden von den Frauen auf dem Rücken getragen oder sind seitlich in Säcken an die Esel gepackt und schlafen. Dieselbe Methode wird angewendet, um neugeborene Schäfchen und Zicklein zu transportieren. Wir halten an, und Sassan und Mohammad fragen die Nomaden nach dem Woher und Wohin. Offenbar kennt Sassan eine der Familien und verteilt den grösseren Kindern und den Frauen Orangen und Bonbons als Zwischenstärkung, was mit grossen leuchtenden Augen quittiert wird. Die Nomaden werden noch bis Sonnenuntergang weitermarschieren und in der Nähe des Baches übernachten. Am nächsten Morgen soll es dann, weg von der Strasse, bergauf über den nächsten Pass gehen.

For days they journey over rugged hills, camping in the valleys – until one morning before them roars a deep and treacherous torrent.

Die Bachtiaren schliessen sich nicht mehr wie früher zu Gruppen bis zu 50 000 Personen zusammen. Es sind heute kleinere Verbünde von 2 bis 20 Familien, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Die Migrationsrouten haben sich dagegen – abgesehen von den neuen Strassen – wenig verändert, da es im Zagros-Gebirge nur fünf oder höchstens sieben Passrouten gibt. Dies führt dazu, dass die Übernachtungsplätze aufgrund langjähriger Überlieferungen ebenfalls fast immer die gleichen geblieben sind.

Kleine Kinder werden entweder von den Frauen auf dem Rücken getragen oder in Taschen zu beiden Seiten eines Esels gepackt.
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Für die zwei- bis dreiwöchige Wanderung werden alle Haushaltsgeräte auf Esel gepackt.
Wir begleiten zwei Familien durch eine immer enger werdende Schlucht, in die bereits kein Sonnenstrahl mehr fällt. Als wir uns für diesen Tag von ihnen verabschieden wollen, um für uns ein geeignetes Nachtlager zu finden, bitten sie uns zu unserer Überraschung, die Nacht gemeinsam mit ihnen an ihrem Lagerplatz zu verbringen. Für uns natürlich eine willkommene Gelegenheit, ihrem Leben noch näher zu kommen. Die Begründung für ihren Wunsch hingegen irritiert uns: Sie fühlen sich in unserer Nähe sicherer, denn es komme oft vor, dass ihnen nachts Tiere gestohlen werden, vor allem, wenn sie in der Nähe der Strasse übernachten.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Am Lagerplatz angekommen, werden als erstes die Lasttiere abgeladen. Bevor jedoch ans Kochen zu denken ist, müssen die kleinen Tiere eingefangen und in einen kleinen, an der Lagerstelle schon vorhandenen Stall aus Steinen gesperrt werden. Gerne helfe ich mit, den Tieren nachzurennen, sie an einem Bein zu packen und in Sicherheit zu bringen. Danach werden die Ziegen gemolken, auch die Männer helfen dabei. Zu essen gibt es Kalejoush, bestehend aus in Wasser aufgeweichten Kaskhkugeln vermischt mit Butter, getrockneten Zwiebeln und anderen Gewürzen, dazu Fladenbrot. Sassan und Mohammad übernehmen die Wache bis um zwei Uhr morgens. Das Thermometer fällt knapp unter den Gefrierpunkt. Dennoch sind die Nomaden nur mit Decken und die Männer mit ihrem traditionellen Filz-Cape geschützt. Es lohnt sich nicht, für eine Nacht die Zelte aufzustellen. Die Kinder schmiegen sich eng an die Mütter und ihre Geschwister. Das Feuer ist bald erloschen. Dafür scheint der Mond in der sternenklaren Nacht auf das Lager. Nur ein paar Glocken der Ziegen und das rauschende Wasser des Baches sind zu hören, ansonsten bleibt alles ruhig.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Trotz Temperaturen unter dem Gefrierpunkt bleibt die ganze Familie über Nacht nur durch ihre Decken geschützt.
Lange bevor die ersten Sonnenstrahlen in die Schlucht fallen, kommt Bewegung ins Lager. Zum Frühstück gibt es Kashk mit Joghurt und heissen Tee. Mit wenigen gut eingeübten Handgriffen werden die Lasttiere wieder bepackt, wobei die Nomaden auch ihre Füsse und Beine für das Festzurren zu Hilfe nehmen. Alles muss mitgenommen werden: Teppiche, Decken, Kleider, Schuhe, Kochgeschirr und Nahrungsmittel. Während die Männer das Lager frühzeitig mit langsameren Schafen verlassen, bleiben die Frauen zurück, um das Lager aufzuräumen, und machen sich dann mit den Eseln und etwas schnelleren Ziegen auf den Weg zu einem vereinbarten Ort, an dem die Familie wieder zusammenkommt.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Die Bachtiaren ziehen mit ihrer Herde in die Berge, fotografiert im frühen Morgenlicht.
Die ersten Sonnenstrahlen erreichen den gegenüberliegenden Bergkamm und tauchen die Bäume und Rückenhaare der Tiere in glänzendes Licht. Die Herde zieht weiter, zuerst entlang eines Bachs, in dem die Sonne glitzert und danach geht es steil hoch, schroffen rötlichen Felsen entlang. Wir stehen noch lange unten und schauen der Staubwolke nach.

Da Sassan den Weg der Nomadenfamilie kennt, schlägt er vor, dass wir ihnen auf der anderen Seite des Passes entgegenfahren. Dies bedeutet, um den Berg herumzufahren und auf ihre Ankunft zu warten. Wir nehmen uns noch etwas Zeit fürs Abbrechen unseres Lagers. Als wir oben ankommen, ist weit und breit nichts zu sehen. Wir laufen ihnen entgegen, treffen aber nur auf eine andere Familie. Wir haben das Tempo unserer Familie völlig unterschätzt. Sie sind schon längst an dieser Stelle vorbeigezogen. Ihrem weiteren Weg können wir leider nicht mehr folgen, denn es sind Pfade, die nur die Nomaden erkennen können …

… on the way where there is no way. Folge Sylvia und Holger auf www.chaostours.ch

Bachtiaren
Der Name lässt sich am besten mit «Glücksbringer» übersetzen. Der rund 600 000-köpfige Stamm der Bachtiaren lebt im südwestlichen Iran auf einer Fläche von ca. 75 000 km² im zentralen Zagros-Gebirge, einer Bergkette, die sich über rund 1500 Kilometer von der irakischen Grenze bis zur Strasse von Hormuz zieht und so hoch wie die Alpen und so breit wie die Schweiz ist. Obwohl nur etwa ein Drittel von ihnen Nomaden sind, verkörpert das Nomadentum die kulturellen Ideale der Bachtiaren. Gleichzeitig zeigen die Bachtiaren beispielhaft, wie sesshafte und nomadische Bevölkerungsteile in symbiotischer Weise wirtschaftlich, sozial und politisch miteinander verflochten sind, obwohl die Sesshaften eher dazu tendieren, sich in die iranische Kultur zu assimilieren.

Die Bachtiaren sprechen einen persischen Dialekt namens Lori und sind schiitische Muslime. Zu den Zeiten der Schahs bildete der Stamm eine Konföderation mit vom Schah ernannten Khans. Reza Schah, der den Iran in den 1930er-Jahren um jeden Preis modernisieren wollte, entmachtete jedoch diese, liess einige von ihnen hinrichten und zwang die Bachtiaren, sesshaft zu werden.

Die tief verwurzelten Traditionen und das Patriarchat haben den Wandel lange von den Bachtiaren ferngehalten. In den ersten Jahren der Islamischen Republik scheinen sich ihre Lebensbedingungen jedoch stärker verändert zu haben als im halben Jahrhundert des Pahlavi-Regimes. Die jahrzehntelangen Bestrebungen der Regierung, sie sesshaft zu machen, ein mittlerweile gut ausgebautes Strassennetz, die bessere Schulbildung, sowie bessere Kommunikationsmöglichkeiten durch Mobilephones und Internet haben zu diesem Wandel beigetragen. Der Fortschritt hat auch Zäune und Staudämme gebracht, die ihre alten Migrationsrouten blockieren. Die Zukunft wird zeigen, welchen Stellenwert die Islamische Republik und die iranische Gesellschaft den Nomaden mit ihrer Jahrhunderte alten, die Natur schonenden Kultur einräumen wird. Dass die Zahl der Nomaden im Iran in den letzten Jahren stabil geblieben ist und dass Präsident Hassan Rohani sie als Vorbild beim Schutz der Umwelt bezeichnet hat, lässt hoffen.