Iran – fürs Visum ins Gefängnis
28.9.20229856
Wir hätten nie gedacht, dass wir uns einmal für ein Visum ins Gefängnis begeben müssen. Wer wie wir im Schweizer Kanton Bern lebt und in den Iran reisen will, darf diese amüsante Erfahrung machen. Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, mit dem eigenen Auto den Iran zu bereisen und erlebten dadurch bereits im Vorfeld so einiges, über das Gruppenreisende eher nicht berichten können.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Märchenbilder gibt es im Iran zuhauf: Isfahan bei Nacht.

Um ein Touristenvisum zu erlangen, müssen wir als erstes elektronisch eine Referenznummer beantragen. Der Antrag wird in Teheran geprüft. Nach ein bis zwei Wochen kommt per Mail der Bescheid. Sylvias Antrag wird stattgegeben, meiner abgelehnt. Die Begründung ist auf Farsi, die auch mittels Google Übersetzer unverständlich bleibt. Ich rufe deshalb die Botschaft in Bern an. Eine Erklärung könne man mir leider nicht geben, auch ein Wiedererwägungsgesuch sei nicht möglich, ich müsse einen erneuten Antrag über ein Reisebüro stellen.

Ich wende mich an die Visa-Abteilung unseres Reisebüros, bei dem wir seit 40 Jahren unsere Flugtickets kaufen. Gerne übernehmen sie den Auftrag. Der Kostenpunkt ist allerdings CHF 175.–. Gerne würden sie auch das Visum für mich einholen. Dies koste weitere CHF 80.– Bearbeitungsgebühr nebst den vergleichsweise günstigen Visagebühren von CHF 58.–. Dankend lehne ich ab. Aus ihrem Infoblatt entnehme ich, dass bei der Reise durch den Iran mit eigenem Fahrzeug ein Guide zu nehmen sei, für den man CHF 150.– pro Tag veranschlagen müsse. Ich weise das Reisebüro darauf hin, dass dieser Hinweis nicht zutreffend sei und erhalte zur Antwort, dies sei eine Empfehlung des iranischen Reisebüros, mit dem sie seit Jahren zusammenarbeiten. Meine Referenznummer erhalte ich dann relativ rasch, ebenso von unserer Krankenkasse den Nachweis, dass wir auch im Iran gegen Krankheit und Unfall versichert seien, sowie von Turkmenistan das e-Transitvisum, das der Iranischen Botschaft bestätigen soll, dass wir wieder aus dem Iran ausreisen werden.

Fingerabdrücke wie für eine Verbrecherkartei
Nun gilt es, eine weitere Hürde zu nehmen: Die Erstellung von Fingerabdrücken beider Hände. Dank unserer Erfahrung auf der angolanischen Botschaft glauben wir, mit diesem Prozedere vertraut zu sein. Dort wurden die beiden Daumenabdrücke elektronisch eingescannt. Weit gefehlt, die Iraner vertrauen nach wie auf die analoge Methode mit Druckerschwärze auf Papier. Diese findet heute in der Schweiz – wenn überhaupt – nur noch beim Eintritt in den Strafvollzug Verwendung. Im Kanton Bern wird dieser Service vom kriminaltechnischen Dienst im Regionalgefängnis Bern exklusiv für Iran-Reisende durchgeführt, jedoch nur mit Voranmeldung zwischen 8 Uhr und 10 Uhr, Kostenpunkt: CHF 65.–.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Ein spezielles Erlebnis: Fingerabdrücke wie für eine Verbrecherkartei.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Die gute Stimmung der Beamten hilft, auch wenn die Druckerschwärze nur mit Sandseife entfernbar ist. (Foto: Archiv Kantonspolizei Bern)

Wir klingeln wie vereinbart um 8 Uhr an der Gefängnistür, die Überwachungskamera nimmt uns ins Visier, eine Stimme aus dem Off bittet uns, getrennt zur Leibesvisitation einzutreten. Nach dem Sicherheitscheck wird der Ton freundlich, der uniformierte Sicherheitsbeamte erkundigt sich, ob wir auch den Reisepass nicht vergessen haben und wann die Reise losgehen solle. Während der eine Beamte die Personalien im Computer erfasst, wallt der andere die Druckerschwärze aus. An der Wand hängen Dutzende von Postkarten mit Sehenswürdigkeiten des Irans. Mein Interesse daran wird prompt mit der Aufforderung quittiert, ihnen doch bitte auch eine Postkarte zu senden. Der Beamte nimmt jeden Finger einzeln, drückt ihn in die Druckerschwärze und rollt ihn auf die vorgesehene Stelle im Formular ab. Da mich mein Geburtsdatum auf dem Formular infolge eines Tippfehlers um 50 Jahre älter macht, müssen alle Fingerabdrücke nochmals wiederholt werden. Nach dem Prozedere liegt eine sandige Spezialseife bereit, mit der sich die Druckerschwärze schnell von der Haut entfernen lässt.

Visa dank forschem Auftreten
Nun steht nichts mehr im Weg, mit der iranischen Botschaft in Bern einen Interviewtermin zu vereinbaren. Bei nicht pünktlichem Erscheinen erlischt der Antrag, so steht es im Merkblatt. Die Botschaft ist von einem drei Meter hohen Zaun umgeben. Der Weg zum Seiteneingang, der zum Visumschalter führt, ist rundum von einem Eisengatter umgeben, wie der Zugang der Raubtiere im Zirkus. Das Interview besteht aus einer Prüfung der eingereichten Unterlagen. Diese ergibt glücklicherweise keinen Anlass zu weiteren Fragen. Nach fünf Minuten stehen wir wieder vor dem Raubtiergatter, mit einem Abholtermin der Visa in zehn Tagen um 10:30 Uhr.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Die iranische Botschaft in Bern: Wir fühlen uns wie Zirkus-Raubtiere.

Wir erscheinen pünktlich zum Termin. Der Konsulatsbeamte sieht uns, lässt uns aber warten und bedient stattdessen später kommende Landsleute. Auf den Hinweis, wir seien bereits vor ihnen dagewesen, bekommen wir zur Antwort, die Ausgabe der Pässe erfolge erst ab 11 Uhr. Wir hätten sie aber gerne jetzt, er habe uns schliesslich auf 10:30 Uhr bestellt. Umgehend händigt er uns unter Murmeln einer Entschuldigung die Pässe aus. Durch mein forsches Auftreten ermutigt, tritt eine der beiden aus dem Bündnerland angereisten Frauen, die bis dahin geduldig gewartet haben, an den Schalter und erkundigt sich, warum dem Visumsantrag nur bei einer von ihnen stattgegeben worden sei. Interessant, anderen geht es offenbar ähnlich wie uns. Ob das reiner Zufall ist?
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Ein Dokument von hohem Wert: Nur mit dem Exit-Stempel erhalten wir die hinterlegte Kaution wieder zurück.

Mit druckfrischen 100er-Noten im Versteck
Bevor wir mit unserem Fahrzeug losfahren, gilt es, noch ein paar Dinge zu beachten. Auf unserer Reise nach Zentralasien, die uns durch 25 Länder führen wird, ist der Iran das einzige Land, das für das Fahrzeug ein Carnet de Passage verlangt. Dieses stellt der TCS problemlos für CHF 330.– aus, nachdem bei einer Bank eine Kaution in der Höhe des Verkehrswertes des Autos hinterlegt wurde. Wir können uns mit dem Herrn vom TCS auf CHF 10’000.– einigen. Gut zu wissen ist auch, dass infolge des US-Embargos gegen den Iran nicht mit Kreditkarten oder Reisechecks gezahlt werden kann, ausschliesslich mit Cash. Geldbezug mittels Bancomat oder Western Union klappt auch nicht, d.h. US-Dollars oder Euro müssen idealerweise in druckfrischen 100er-Noten in genügender Menge irgendwo im Auto gut versteckt werden.

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Mashad, die heiligste Stadt der Schiiten während des Freitagsgebets. Eine ergreifende Stimmung auch für Nicht-Muslime.

Bei der Einreise in den Iran begebe ich mich mit allen nur erdenklichen Unterlagen auf einen Postenlauf mit mindestens fünf Büros, die z.T. mehrfach angelaufen werden müssen. Dank der freundlichen Unterstützung eines Beamten, der leider wie fast alle Iraner, die wir treffen, nur Farsi spricht, absolviere ich den Parcours in nur drei Stunden. Bei der Ausreise geht es gefühlt etwas schneller, wahrscheinlich weil wir es mittlerweile gelassener nehmen. Wie erwartet, hat weder bei der Einreise noch im Verlauf der Reise jemand beanstandet, dass wir nicht den vom Reisebüro «empfohlenen» Guide dabei haben.

Plötzlich ist alles anders – aber nicht überall
Von anderen Overland-Reisenden erfahren wir erst im Iran, dass kurz vor unserer Einreise von der Iranischen Regierung als Reaktion auf das US-Embargo eine Verfügung erlassen wurde, die es ausländischen Autos über 2000 cm3 und Motorrädern über 250 cm3 verbietet einzureisen. An dem von uns benutzten Grenzposten zu Aserbaidschan hatte von diesem Verbot offenbar niemand Kenntnis. Die Dauer dieser Restriktion hat sich denn auch als nur sehr kurz erwiesen: nach wenigen Monaten wird sie genauso überraschend wieder aufgehoben, wie sie eingeführt wurde. Wir lernen daraus, dass auch die sorgfältigsten Vorbereitungen manchmal etwas Glück nicht ersetzen können.

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Die anfänglichen Befürchtungen bezüglich der richtig sitzenden Kopfbedeckung verfliegen spätestens in Teheran. In städtischen Verhältnissen rutscht den Iranerinnen das Kopftuch von der vorgeschriebenen Position zunehmend in den Nacken.

Dank Benziner günstig unterwegs
Im Land selber geht es meistens entspannt zu und her: Das Geld kann im Bazar, in Wechselstuben oder auf offener Strasse problemlos schwarz gewechselt werden. Dollars sind sehr gefragt. Das Leben im Iran wird dadurch für uns extrem günstig. Das ohnehin billige Benzin wird spottbillig, es kostet uns 7 Rp. pro Liter. Für diejenigen allerdings, die mit einem Diesel unterwegs sind, wird es etwas komplizierter. Diesel ist kontingentiert und kann nur mit einer entsprechenden Kreditkarte bezogen werden, über die ausländische Touristen nicht verfügen. Dieselfahrern bleibt nichts anderes übrig, als an der Tankstelle Lastwagenfahrer anzusprechen, die meist bereitwillig etwas von ihrem Kontingent abgeben. Bis der Tank voll ist, braucht es manchmal bis zu drei willige Lastwagenchauffeure. Uns bleibt dies somit erspart.

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Die elektronische Gegenwart macht auch vor dem Ayatollah-Staat nicht Halt.

Der in jedem Land nützliche Kauf einer SIM-Karte sofort nach der Grenze klappt im Iran nicht auf Anhieb. Der erste Provider muss bei ausländischen Kunden in Teheran um eine Bewilligung nachfragen, die ich auch nach einer Wartezeit von 24 Stunden nicht erhalte. Beim zweiten ist die Karte nach 20 Minuten installiert. Bis alles funktioniert, vergehen so 1.5 Tage, in denen wir bereits die grosszügige Hilfsbereitschaft der Iraner erleben dürfen.
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Idyllische Übernachtungsplätze, wie hier im Zagrosgebirge.

Rote Rosen für Sylvia
Wenn wir für die Nacht einen schönen Standplatz gefunden haben, werden wir wiederholt daran erinnert, dass der Iran ein Spitzelstaat ist. Meist sind wir schon im Bett, wenn ein Polizist in Zivil – alleine oder in Begleitung mehrerer finster dreinschauender Männer – bei uns an die Tür klopft. Eine irritierende und wenig angenehme Situation, auch wenn sich jeweils beide Seiten höflich verhalten. Wir versuchen dann mit Zeichensprache, unser Woher und Wohin zu erklären. Hie und da wagt einer einen scheuen Blick in unsere Wohnkabine, telefoniert mit seiner vorgesetzten Stelle und verabschiedet sich dann wieder. Nur einmal, in Qom, kommen die Polizisten nach einer Viertelstunde wieder zurück und überreichen Sylvia eine rote Rose mit den Worten: «Welcome in Iran».

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Auch wir werden oft fotografiert. Die verbalen Kommunikationsmöglichkeiten bleiben jedoch sehr rudimentär.

Wir erleben die Iraner als sehr kontaktfreudig und gastfreundlich. Gelegentlich werden wir auf einen Tee oder zu ihnen nach Hause eingeladen, aber mangels Sprachkenntnissen wird es meist schnell peinlich. Selbst in den Hotels kann niemand Englisch. An der Rezeption sind sie sich an Gruppenreisen gewöhnt, der lokale Guide ist ihr einziger Ansprechpartner.

Langweilige Verpflegung unterwegs
Da sich das soziale Leben im Iran meist in den eigenen vier Wänden abspielt oder bei einem bei den Iranern sehr beliebten Picknick am Strassenrand, sind gute Restaurants eher eine Seltenheit. Oft sind wir die einzigen Gäste und die Auswahl an Gerichten ist bescheiden. Zur Auswahl stehen Kebab, mal mit Chicken, mal mit Beef und dem immer gleichen Gemüse, d.h. ein Schnitz Tomate, ein Schnitz Gurke und das obligate Papiermaché-Brot. Weil wir das bald einmal langweilig finden, verlegen wir uns darauf, Leute zu fragen, wo man in dieser Stadt denn am besten essen könne? Einmal tippt ein junger Mann als Antwort etwas in sein Handy, nicht etwa die Adresse eines Restaurants auf Google Maps, sondern einen Text ins Übersetzungsprogramm. Er hält uns schmunzelnd sein Handy entgegen. Ich lese zu meiner Überraschung: «You get the best food in your own car!»

Regeln sind da, um missachtet zu werden
Wenig entspannt und sicher fühlen wir uns allerdings auf Irans Strassen. Wie in keinem anderen Land Asiens werden alle Regeln missachtet. Da im Iran fast alles verboten ist, was Spass macht, und deshalb im Verborgenen dennoch gemacht wird, ist die Strasse der einzige auch von der Polizei weitgehend tolerierte Freiraum, in dem alles erlaubt zu sein scheint. Deutsche, die wir später in Tadschikistan treffen, wurden Zeugen eines wegen überhöhter Geschwindigkeit tödlichen Überholmanövers.

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Schon früh mit den iranischen Regeln des Strassenverkehrs vertraut.

Hinter den für uns nur schwer nachvollziehbaren staatlichen Einschränkungen und oft überraschenden Selbstüberschätzung der Iraner verbirgt sich eine massive narzisstische Kränkung eines ganzen Volkes. Durch die Politik der Ajatollahs ist das Land seit Jahrzehnten isoliert. Jeder und jede versucht, sich auf seine Weise durchs Leben zu schlängeln. Wer bei etwas Verbotenem ertappt wird, hat gelernt, sich mit grosser Geste und viel Palaver zu entschuldigen. Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation ist unübersehbar und wird auch uns gegenüber freimütig geäussert.

 

Gruppenreisende sind den hier geschilderten Situationen viel weniger ausgesetzt, denn das Gelingen der Reise liegt in erster Linie in der Verantwortung des Reiseveranstalters, und der Guide bewahrt sie im Idealfall vor schwierigen Situationen oder eilt zu Hilfe. Sie können sich voll auf die Sehenswürdigkeiten und Attraktionen konzentrieren, die dieses Land zuhauf zu bieten hat. Auch wir haben uns an ihnen erfreut. Und dennoch hinterlassen die erlebten Schattenseiten bei uns eine tiefe Sorge und Mitgefühl für die Zukunft der Menschen im Iran.

 

Text: Sylvia Furrer / Fotos: Holger Hoffmann 

Mehr zu und von den beiden findest du hier auf ChaosTours.ch

 

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