Nach Zentralasien mit iOverlander & Co.
1.4.202218568

Falls du die App noch nicht kennst, schau doch mal hier auf der Website von iOverlander vorbei. Es handelt sich hierbei um eine kostenfreie App in der Reisende Tipps hinterlassen oder vor Gefahren warnen können. Grundsätzlich eine gute Sache, aber wie immer wenn viele Köche in der Suppe rühren … richtig, sie schmeckt nicht jedem.

Sylvia Furrer und Holger Hoffmann von Chaostours sind mit iOverlander & Co. nach Zentralasien gereist und teilen hier ihre Erfahrungen mit uns. Danke dafür.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Der Grenzübertritt von Kirgistan nach Kasachstan verläuft problemlos. Er dauert nur 90 Minuten. Die Drogenhunde wedeln mit dem Schwanz und die Zöllner heben bewundernd ihre Daumen, nachdem sie unseren zum Wohnmobil umgebauten Toyota Land Cruiser namens «Monsterli» eingehend inspiziert haben. Im ersten Ort nach der Grenze decken wir uns mit Lebensmitteln, Wasser und Benzin ein.

Und jetzt, wo übernachten? Auf iOverlander finden wir einen wilden Campsite in 75 Kilometer Entfernung, das bedeutet ca. eine Stunde Fahrzeit. Er wird dort angepriesen als «Probably the most quiet and peaceful camping spot I’ve been». Also, nichts wie hin. Die Gegend wird immer einsamer, keine Behausungen, wenig Tiere unterwegs. Dann öffnet sich hinter einem Hügel ein unglaubliches Panorama: direkt vor uns ein grosser See, der Tuzkol, in dem sich die verschneiten Berggipfel des Tien Shan Gebirges spiegeln. In der Mitte ragt der 7010 Meter hohe Khan Tengri wie eine Zuckerpyramide empor. Direkt vor uns entspringen zwei Quellen, die sattes, grünes Gras und Blumen spriessen lassen. Wir sind in völliger Abgeschiedenheit, ausser ein paar Vögeln keine Tiere. Den Sonnenuntergang beobachten wir von einem kleinen Hügel aus und die klare Sternennacht sehen wir durch die Fenster unseres Monsterlis. Wir sind überwältigt von der Schönheit, Einsamkeit und dem Glück, dies dank iOverlander erleben zu dürfen.

iOverlander wurde auf unserer knapp sechs Monate dauernden Reise nach Zentralasien zu einem der wichtigsten elektronische Hilfsmittel.

Unter ganz anderen Bedingungen begann 1978 unsere Reiseleidenschaft: Damals beschlossen wir, die Ausgrabungsstätten der Sumerer, Assyrer und Babylonier im Irak zu besuchen. Wir kauften ein Flugticket Zürich – Bagdad retour und antiquarisch den Guide Bleu Moyen Orient. Mit einigen Worten arabisch stürzten wir uns kopfüber ins Abenteuer. Für die Bewältigung der täglichen Herausforderungen, wie Temperaturen über 40°C, Finden von Restaurants, die den Namen verdienten, vertrauenswürdige Transportmittel oder Hotelzimmer, die auch an uns Ungläubige vermietet wurden, war der Guide Bleu jedoch wenig hilfreich.

Mit Aufkommen der Lonely Planet Travelbooks für Backpackers – Erstausgabe 1975 – gestaltete sich das Reisen dann viel einfacher. Seit einer Reise nach Indonesien begleiten uns die jeweiligen Länderausgaben und liefern nützliche Hinweise. Über 30 Jahre lang dominierte Lonely Planet den Weltmarkt für Reiseführer. Mittlerweile gibt es sie auch als eBooks, deren Handhabung allerdings gewöhnungsbedürftig ist. Immerhin lassen sich die Standorte von Sehenswürdigkeiten, Hotels und Restaurants direkt auf Google Maps anklicken.

Mit dem Aufkommen des Internets, der Smartphones und Apps hat sich das Informationsgewinnungsverhalten der Reisenden nochmals rasant verändert. So kann man heute mit den Apps von Tripadvisor, Booking.com, Airbnb, Expedia, Viator oder GetYourGuide nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten schnell mit dem Handy buchen, sondern auch Ausflüge und Touren, jedoch meist nur auf bereits sehr ausgetreten Pfaden, weil sich dort auch das meiste Geld verdienen lässt. Ganz anders funktioniert iOverlander. Innerhalb Europas ist Park4Night eine gute Ergänzung bzw. Alternative.

Bevor wir mit unserem Monsterli starteten, hatten wir Bedenken bezüglich wildem Campen. Ist das nicht gefährlich? Wie stellt man sicher, dass einem die Menschen wohlgesonnen sind? Sollten wir uns eher an offizielle Campingplätze halten? Wie kommen wir zu Wasser? Wie zu Campinggas? Wie zu Lebensmitteln in abgelegenen Gebieten? Kurz vor der Abreise anfangs März stellten wir diese Fragen bei einem Abendessen Doris und Jürg Sollberger von Atlas Travel World. Sie waren erstaunt, dass wir die App «iOverlander» nicht kannten. Dort seien alle unsere Fragen beantwortet. Auch waren sie überzeugt, dass wir schnell ein Gespür dafür entwickeln würden, wo wildes Campen möglich ist, wo wir Leute um Erlaubnis fragen und wo wir eher davon absehen sollten, wie z.B. in der Nähe stark befahrener Strassen. Im Nachhinein können wir bestätigen, dass dieser Rat Gold wert war und wir mit der Zeit tatsächlich ein Gefühl für die für uns passenden wilden Campsites entwickeln.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

iOverlander ist ein kostenloses Camping- und Übernachtungsverzeichnis für all jene, die mit ihrem eigenen Motorfahrzeug oder Fahrrad auf der Welt unterwegs sind. Mit der App für Android oder iPhone kann man diese Informationen auch offline nutzen. iOverlander zeigt die genauen GPS-Daten über kostenpflichtige Campingplätze mit entsprechender Infrastruktur, informelle Campsites (z.B. Parkplätze mit Toiletten) und Wild-Camp-Spots an. Die Angaben beinhalten alles Wichtige, wie Stromanschluss, Wasser, Duschen, WC, WIFI, nahegelegene Restaurants und ob sie geeignet sind für grosse Fahrzeuge. Auf der Karte eingezeichnet sind auch Wasserstellen, Tankstellen (v.a. dort, wo sie selten sind), Hostels, Restaurants, touristische Attraktionen, Botschaften sowie Grenzübertritte und Polizeicheckpunkte. Sie werden durch einen kurzen Text über die persönlichen Erfahrungen ergänzt. Wenn man online ist, kann man die entsprechende Stelle auf Google Maps übertragen oder sich das beigefügte Foto anschauen. Beides unterstützt den Entscheidungsprozess, ob man dieser Empfehlung folgen möchte. iOverlander ist ein gemeinnütziges Projekt (die Daten werden nicht kommerziell verwertet) und lebt von seiner Community. Jeder kann die Angaben ergänzen, kommentieren, korrigieren oder durch ein Foto untermalen. Es funktioniert entweder traditionell auf der Webseite oder ganz komfortabel mit der App auf dem Smartphone oder Tablet, auch wenn man offline ist.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
In einer ersten Phase folgen wir den Empfehlungen von iOverlander. Einer der ersten Campsites liegt direkt am Van Golü in der Osttürkei. Der Winter holt uns über Nacht ein und wir werden eingeschneit – ein wunderbarer Anblick und kein Problem für unser Fahrzeug. Der nächste märchenhafte Platz befindet sich auf dem Parkplatz direkt vor dem Ishak Pasha Palast, welcher etwa sechs Kilometer südöstlich der Stadt Doğubeyazıt liegt. Wir erleben Sonnenunter- und -aufgang in allen Farben. Zudem treffen wir ein französisches Paar, welches ebenfalls mit einem Camper unterwegs ist. Wir tauschen wertvolle Informationen aus und geniessen bei einem Apéro im Monsterli den Ausblick auf den Ararat.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Seit Jahrzehnten ist Afghanistan einer unserer Sehnsuchtsorte. Einen kleinen Eindruck von der Schönheit des Landes erhalten wir auf der tadschikischen Seite des Wakhan Korridors. iOverlander empfiehlt einen Campsite auf einem Hügel, mit Blick auf das Tal und Afghanistan. Wir stellen unser Monsterli auf die Wiese, umgeben von unzähligen Blumen in allen Farben. Am Abend zieht ein Gewitter auf und wir erleben einen riesigen Regenbogen über Afghanistan. Wenn das nicht ein gutes Omen ist? Am nächsten Morgen begrüssen uns zwei scheue Kinder, denen wir am Vortag gekaufte Erdbeeren und Karamellbonbons geben. Auch am Karakul lohnt es sich, den Tipp von iOverlander zu befolgen. Er führt uns auf einer Piste einige Kilometer von der Strasse weg zur anderen Seite des Sees. Einmal mehr werden wir mit einzigartigen Stimmungen und Panoramen belohnt. In Kirgisien wählen wir das Basecamp des Pik Lenin. Mit unserem Monsterli können wir einen Platz aussuchen, von dem aus wir auf der einen Seite den verschneiten Pik Lenin und auf der anderen Seite in grüner Hügellandschaft zwei kleine Seen bestaunen können. Umgeben sind wir von goldfarbenen Murmeltieren, die jeden Sonnenstrahl nutzen und sich von uns nicht stören lassen. Bereits vor der Hauptsaison ist dies ein beliebter Platz für junge Bergtouristen. So können wir zwei Schweizer und ein Holländisches Pärchen zum Apéro mit Kumys (vergorene Stutenmilch) einladen.

Ein kostensparender Tipp im teuren Turkmenistan war der Parkplatz des Hotels Akaltyn in Ashgabat. Er ist für uns gratis, und wir dürfen sogar das WIFI und die Toiletten des Hotels benutzen. Nach einem Monat alkoholfreiem Iran ist das kühle Bier im nahegelegenen Biergarten sehr willkommen. Später in Duschanbe kostet uns die Übernachtung auf dem Parkplatz des Hotels Tajikistan USD 5 Trinkgeld für die Parkwächter und ist von der Lage mitten im Zentrum ideal.

Auf iOverlander gibt es relativ selten Restaurantempfehlungen, deshalb haben wir das „Golden Fishrestaurant“ an der Strasse nach Buchara hinzugefügt und empfohlen, denn wir waren von der Qualität des Essens begeistert. Man geht direkt in die Küche, wo die Fische zur Auswahl bereit liegen oder auf Wunsch aus dem Becken gefischt werden. Sehr lecker, wenngleich der Koch wohl ein wenig verliebt gewesen sein musste.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
Auf dem Pamir Highway Richtung Wakhan Korridor gibt es nur sehr wenig Verpflegungsmöglichkeiten. Dank dem Hinweis im iOverlander für das ‘probably best roadside restaurant’, sitzen wir dort zur Mittagszeit auf dem für Zentralasien typischen Taptschan und essen leckeres Laghman. Und in Mahan finden wir in der Karavanserei neben der Moschee das beste Restaurant im Iran. Hier wird nicht nur mit Liebe gekocht, es gibt auch die besten alkoholfreien Drinks, und wir konnten direkt neben der Moschee übernachten.

Mit unserem 80 Liter Wassertank sind wir trotz vermeintlich sparsamem Umgang alle drei bis vier Tage auf Nachschub angewiesen. Oft gibt es Schläuche an Tankstellen, darauf verlassen kann man sich aber nicht. Ihr ahnt es nun sicher, ja iOverlander ist auch hier hilfreich. Mit den präzisen Koordinaten von Quellen oder Wasserstellen haben wir oft unseren leeren Tank füllen können.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Besonders schöne Brunnen, meist überdacht und verbunden mit Heiligenstatuen, gibt es in Rumänien.

Obwohl das Benzin im Iran und den zentralasiatischen Staaten sehr günstig ist, ist das Tankstellennetz unterschiedlich dicht. So gibt es in Usbekistan fast nur Gas-Tankstellen. Umso dankbarer sind wir für die Hinweise auf Tankstellen mit Benzin, wobei das von uns benötigte 95 Oktan Benzin nirgends erhältlich ist. So füllen wir denn unsere beiden Tanks je zur Hälfte mit 92er, womit wir bis zur tadschikischen Grenze durchkommen. Spätestens im letzten Ort vor der Grenze informieren wir uns jeweils auf Global Petrol Prices  über die Benzinpreise im Nachbarland und können so entweder noch volltanken oder bis nach der Grenze warten. Natürlich sind die Unterschiede nie mehr so gross, wie zwischen Iran – mit 0.07 USD pro Liter – und den umliegenden Ländern.

Auch für die Grenzübertritte werden wir von iOverlander psychisch auf die uns erwartenden Schwierigkeiten vorbereitet. Nach 30 Grenzübertritten dürfen wir feststellen, dass wir keine Probleme hatten mit den Grenzbehörden. Einzig der meist mehrere Stunden dauernde Zeitaufwand ist für unsere Begriffe Ausdruck eines leerlaufähnlichen bürokratischen Beschäftigungsprogramms.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
In Maschhad finden wir dank iOverlander eine Toyota Garage, die keinen Wunsch offen lässt, qualitativ wie preislich. Der Manager, der sogar Englisch spricht – was im Iran eine Seltenheit ist – beschafft uns innert zehn Stunden amerikanische All Terrain Reifen aus Teheran. Gastfreundlich wie die Iraner sind, lädt er uns noch am Abend zu sich ein. Wie wir später auf iOverlander lesen, sind nicht alle so zufrieden, wie wir.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.
In Almaty müssen wir das Transitvisum für Russland beantragen. iOverlander vermerkt den Standort des russischen Konsulats verbunden mit detaillierten Beschreibungen, welche administrativen Hürden einen erwarten. So wissen wir, dass wir mindestens vier Nächte in Almaty zu verbringen haben und können entsprechend frühzeitig den Aufenthalt planen, insbesondere ein Hotel über Booking.com in der Nähe buchen, was überraschenderweise günstiger kommt als über die Webpage des Hotels oder direkt an der Rezeption.

Nicht alle Gebiete unserer Reise sind auf iOverlander genügend mit Hinweisen abgedeckt. Nach den sehr positiven Erfahrungen mit iOverlander werden wir immer mutiger. Fehlt ein Hinweis, nehmen wir Google Maps zu Hilfe, schalten aufs Satellitenbild und suchen einen Fluss oder einen See mit möglichst ein paar Bäumen für den Schatten und einem passierbaren Weg.

Wir können die Overlander-Gemeinde nur ermutigen, ihre Erfahrungen – seien sie positiv oder negativ – auf iOverlander zu teilen. So fahren wir z.B. im Mai auf der tadschikischen Seite in den Wakhan Korridor, immer entlang der Grenze zu Afghanistan. In Khorog hat man uns zuvor auf der zuständigen Stelle gesagt, dies sei möglich. Zwischen dem vereisten Zorkul und den östlich gelegenen kleineren Seen bleiben wir dann im Schlamm stecken, da die Schneeschmelze das Terrain unpassierbar gemacht hat. Im Mai hat es dort noch keine Nomaden und das ganze Jahr über keinen Internetzugang. Es hat uns acht Stunden in eisiger Kälte und Schneefall gekostet, zwei Fahrzeuge wieder auf die halbwegs sichere Route zurück zu bringen. Wir haben deshalb eine entsprechende Warnung, nicht zu früh im Jahr die Strecke zu befahren und vor Ort nachzufragen, auf iOverlander deponiert.

In Moldawien werden wir durch die Gesänge in einem Kloster derart in Bann gezogen, dass wir die Zeit vergassen. Glücklicherweise gibt es direkt hinter den Gebäuden einen idyllischen kleinen See, der auch von Einheimischen als Picknickort und Badeteich genutzt wird. Auf unsere Frage hin, geben sie uns zu verstehen, dass sie kein Problem darin sehen, wenn wir hier eine Nacht bleiben. So können wir den Abend ohne Stress nach der Suche eines passenden Campsites geniessen. Weil Moldawien kaum über iOverlander Campsites verfügt, kann dieser nun unter Curchi Monastery gefunden werden.

In der Overlander Community wird nicht selten die Position vertreten, dass man die schönsten «Geheimtips» für sich behalten sollte, anderenfalls drohen sie überlaufen zu werden. Innerhalb Europas mag diese Zurückhaltung berechtigt sein, aber auf dem Weg nach Zenttralasien besteht die Gefahr kaum.

Ein anderer Hinweis betrifft den Grenzübertritt zwischen Transnistrien und Răscăieți in Moldawien. Von Tiraspol in Transnistrien kommend, wollen wir eines der berühmtesten Weingüter Moldawiens, Château Purcari besuchen. Der nächstgelegene Grenzübergang ist jedoch nicht für Touristen geöffnet, was wir erst am Schlagbaum erfahren. Diese Information teilen wir nun auf iOverlander mit anderen.

In vielen Ländern gibt es in Grenznähe oder in Provinzen, die als unruhig gelten, Militär- oder Polizei-Checkpoints. Auffällig ist das unterschiedliche Verhalten: Während das Militär den Pass sehen will und sich jeweils korrekt verhält, versucht die Polizei gelegentlich einen Regelverstoss unsererseits zu konstruieren. So wird uns u.a. vorgeworfen, wir hätten den Warnblinker nicht angeschaltet, als wir am Checkpoint angehalten werden. Der Hinweis darauf, dass sämtliche Fahrzeuge nach uns das auch nicht gemacht haben, wird als aggressives Verhalten ausgelegt. Mit genügend Geduld und Konsequenz kommen wir immer ungeschoren, d.h. ohne Busse davon.

Bezüglich Polizeikontrollen – unabhängig von Checkpoints – gilt die Faustregel: Je mehr Spitzel in einem Land, desto mehr nächtliche Überraschungen mit kontrollierenden Personen in Zivil oder Uniform, selten aber mit Sprachkenntnissen. Bezüglich Spitzeltätigkeit herausragend sind hier die Türkei und Iran. Nach einer solchen nächtlichen Kontrolle in Qom brachte mir allerdings einer der Polizisten eine rote Rose, entschuldigte sich für die Störung und wünschte uns eine gute Weiterreise.

Auch wenn iOverlander offline funktioniert und man ein internetunabhängiges GPS-Gerät hat, gibt es einige Gründe online zu sein. In grossen Städten, wie z.B. Teheran mit seinen 14 Mio. Einwohnern, sind lange Staus an der Tagesordnung. Hier kann die richtige Routenwahl sehr viel Zeit sparen. Es lohnt sich deshalb ein Abgleichen der vorgeschlagenen Route zwischen iOverlander und GPS auf Garmin, Gaia oder Google Maps. Wenn wir online sind, gehen wir auch regelmässig auf Caravanistan. Diese Webseite ist für Zentralasien dank vieler hilfreicher Infos eine echte Alternative zum Lonely Planet.

Solange Starlink von Elon Musk noch nicht für jeden zugänglich ist, müssen wir in jedem Land eine SIM-Karte für unsere Internetverbindungen besorgen. iOverlander schweigt sich leider (noch) über diesbezügliche Verkaufsstellen, länderspezifische Anforderungen und bestes Netz aus. In gewissen Ländern ist es extrem aufwendig (z.B. Iran, wo eine Anfrage nach Teheran durch den Verkäufer gemacht werden muss, was über einen Tag dauern kann) oder dann sehr einfach und günstig wie in Polen, wobei wir auch hier drei Geschäfte aufsuchen müssen bis alles funktioniert. Wichtig ist jeweils, das Funktionieren inkl. Hotspot im Geschäft zu testen. In Kasachstan war das Verkaufspersonal ziemlich ratlos, weil das Freischalten einfach nicht klappen wollte. Da betritt ein 16-jähriger Digital Native das Geschäft und innert kürzester Zeit funktioniert alles. Irritierend sind später auf dem iPhone Meldungen in der Landessprache, die natürlich nicht verständlich sind und auch nicht auf englisch wählbar. Dank Google Translater – wobei nicht alle Sprachen offline funktionieren – stellt sich dann regelmässig heraus, dass irgendeine Werbeaktion läuft, d.h. die Meldungen sind irrelevant, ausser es wird gemeldet, dass dein Guthaben aufgebraucht ist. Vor dem Kauf einer SIM-Karte fragt man idealerweise mehrere Personen, welches Unternehmen die beste Abdeckung bietet. In Tadschikistan war z.B. Megafon besser als Beeline, dennoch gab es im Pamir viele Empfangslöcher. In Almaty blockierten die Behörden den Zugang zu Google, Facebook und Twitter, um so die Organisation von Studentenprotesten zu unterbinden. In solchen Fällen hilft der Einsatz eines VPN-Apps.

Es lohnt sich aus verschiedenen Gründen, den Aufwand auf sich zu nehmen und in jedem Land, in dem man einige Tage zu verbringen gedenkt, eine SIM-Karte zu kaufen. Wir wollten z.B. für die Reise über den Pamir Diamox kaufen, ein Medikament, das Sylvia den Aufenthalt in Höhen über 3000 Metern sicherer macht, nachdem sie bereits einmal in Nepal an einem Lungenödem litt und auch später immer wieder in der Höhe gesundheitliche Probleme hatte. Die von uns aufgesuchte Apotheke verfügt nicht über Diamox. Der Zugang zum Internet ermöglicht es, die Zusammensetzung des Medikaments herauszufinden und ein Generikum zu erwerben. Nützlich können auch Fotos der jeweiligen Webpage sein. Nach unserer Erfahrung gibt es in den aussereuropäischen Apotheken nur hilfsbereite Leute, die auch ohne Rezept die Medikamente verkaufen.

Wer länger unterwegs ist, ist gut beraten, bereits vor der Abreise sicherzustellen, dass alle Bankgeschäfte online ausgeführt werden können. Allerdings braucht es oft viel Geduld, da die Geschwindigkeit der Internetverbindungen nicht vergleichbar mit der Schweiz ist, und es manchmal über eine halbe Stunde dauert, bis es klappt. Geduld ist auch mit den vielen elektronischen Möglichkeiten immer noch ein sehr guter Reisebegleiter.

Irgendwo unterwegs erhalten wir einen Anruf einer Bekannten. Gedankenlos nehmen wir den Anruf an. Erst nach der Meldung von Swisscom realisieren wir, dass uns das Gespräch ca. CHF 10 gekostet hat. Es empfiehlt sich daher, keine Telefone aus der Heimat anzunehmen, ausser sie kommen gratis über WhatsApp. Swisscom schickt unermüdlich in jedem Land die SMS (d.h. wir erhielten 30 Meldungen), wonach die Roaming-Gebühren besonders günstig seien! Wie man das abstellen kann, haben wir noch nicht herausgefunden.

In den meisten von uns besuchten Ländern kann kurz nach dem Grenzübertritt Geld gewechselt werden. Bankomaten (sogenannte ATM) nahe der Grenze sind eher Glückssache. Deshalb braucht es Cash, empfohlen sind US-Dollar oder Euro, sowie Kenntnisse über den aktuellen Wechselkurs. Die auch offline funktionierende Currency Converter App vermittelt hier einen Eindruck, aber auch nicht mehr. Selten sind wir mit unserem Verhandlungsgeschick zufrieden und wechseln deshalb nur den notwendigen Betrag, um z.B. die Versicherungskarte für das Fahrzeug kaufen zu können. Viele ATMs verlangen – sofern sie überhaupt funktionieren – eine Gebühr. Leider schweigt sich iOverlander über diese Eigenschaften bisher aus. In Khorog versuchen wir es bei fünf Automaten, sämtliche funktionieren nicht und wir müssen Geld im Hotel wechseln.

Natürlich nutzen wir unterwegs das Internet auch, um Familie und Freunden mit ein paar Fotos auf Instagram an unserer Reise teilhaben zu lassen. Der damit verbundene Zeitaufwand steht aber kaum im Verhältnis zur Anzahl der ‘likes’, die man dafür erhält.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Rückblickend waren alle unsere anfänglichen Ängste unbegründet. Bedrohlich erlebten wir eigentlich lediglich die Polizei und den Fahrstil der Iraner, die sich an keine Regeln zu halten scheinen – eine der wenigen Freiheiten, die sie sich offenbar erlauben dürfen.

Während unserer Reise nach Zentralasien und zurück in die Schweiz haben wir viel über den Umgang mit diesem und anderen elektronischen Hilfsmitteln gelernt. Wenn wir hier nun so ein Loblied auf die digitalen Errungenschaften der letzten Jahre singen, müssen wir uns doch auch kritisch fragen, ob wir nicht besser gefahren wären, wenn wir mehr den direkten Kontakt mit den Leuten gesucht hätten, um so die Informationen aus erster Hand zu erhalten, anstatt auf uns und die Interaktion mit dem Internet zurückgeworfen zu sein. Dieses Zeitphänomen wird sehr poetisch im You Tube Videoclip «Look up from your phone» thematisiert. Obwohl wir sie immer wieder gesucht haben, hatten wir auf dieser Reise so wenig Kontakte wie kaum zuvor. Das liegt sicher in erster Linie am Reisestil mit dem eigenen Camper, aber auch am sich infolge zunehmender weltweiter Digitalisierung verändernder Kommunikationsstile, sowie an den äusserst bescheidenen Englischkenntnissen in den bereisten Ländern. Hier konnte Google Translater ein wenig das Kommunikationsdefizit mildern.

Text & Fotos von Sylvia Furrer und Holger Hoffmann

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.