Frei sein am Ende der Welt – Neuseelands Südinsel
26.3.2022496000
Was bedeutet Freiheit? Ist es die finanzielle Unabhängigkeit? Keine beruflichen Verpflichtungen? Ein Leben ohne Bindungen? Das Rezept zu Sarah Holwegs persönlicher Freiheit klingt vielversprechend: Sie nimmt sich einige Monate Zeit, reist ohne grosse Vorbereitungen los und lässt sich am Reiseziel Tag für Tag treiben. Dorthin, wo spannende Farmjobs, Naturspektakel und inspirierende Begegnungen locken.

Vor dem Flugzeugfenster türmen sich die Wolken wie dicke Wattebäusche auf. Am liebsten würde ich mich hineinfallen lassen. Durch eine Lücke erspähe ich weit unten das Meer. Und plötzlich sehe ich Land, ein gewaltiges Gebirge direkt unter mir. Das ist es also, das «Ende der Welt». Aotearoa – das Land der langen weissen Wolke, wie die Maori es nennen. Allmählich gehen die schroffen Klippen in grünes Farmland über. Ich lächle. Nichts und niemand erwartet mich hier. Nichts ist geplant. Niemand weiss, dass ich komme. Dieses Gefühl von Freiheit ist überwältigend. Drei Monate habe ich Zeit. «Aber ein bisschen mulmig ist dir schon?», fragt Anne, die ihre Schwester in Christchurch besuchen will und seit Sydney neben mir im Flugzeug sitzt. Ich zucke mit den Schultern. «Ein bisschen vielleicht, ja.» Die erste Nacht im Hostel in Christchurch habe ich immerhin gebucht, und das WWOOF-Buch (World Wide Opportunities on Organic Farms) steckt im Rucksack, bereit für seinen Einsatz. Ab morgen werde ich mich um einen Farmjob kümmern. Bei der Passkontrolle verabschiede ich mich von Anne.

Biosicherheitskontrolle. Ich bin erschöpft. Da ich gerade aus Indien komme, müssen meine Wanderschuhe desinfiziert werden. Sicher ist sicher. Bei der Einreise nach Neuseeland wird darauf geachtet, dass keine Keime eingeschleppt werden, die Flora und Fauna schaden könnten. Ich muss in einem Sicherheitsbereich warten, während meine Schuhe im angrenzenden Labor gründlich gereinigt werden. Neben mir muss eine Asiatin ihren gesamten Kofferinhalt ausbreiten und wird, als sie mehrere Packungen Nüsse zutage fördert, von einem Flughafenmitarbeiter zurechtgewiesen. Unter anderem dürfen Früchte, Gemüse und Nüsse nicht nach Neuseeland eingeführt werden. Der Sicherheitsangestellte kommt mit meinen Wanderschuhen in der Hand auf mich zu und verabschiedet sich mit dem Kommentar: «You look like you need some good rest.» Das stimmt. Schliesslich bin ich seit 48 Stunden unterwegs.

Nach einem Powernap im Kiwi Basecamp Hostel spaziere ich ein wenig bedrückt durch die unfertig und improvisiert wirkenden Strassen. Christchurch gleicht einer Baustelle, viele Gebäude stehen leer. Die Stadt hat etwas Geisterhaftes. Ich schlendere durch die Geschäfte im sogenannten Re:START, der provisorischen zentralen Einkaufsstrasse aus Containern. In der Nähe liegt der Cathedral Square mit der beschädigten Kathedrale ohne Turm, die als eine Art Mahnmal unrestauriert im Zentrum der Stadt steht. John, den ich in der Riccarton Mall kennenlerne, erzählt mir, wie er nach dem Erdbeben 2011 die Stadt verlassen habe, um für eine Weile bei seiner Tochter zu leben. Wie viele andere flüchtete er damals von Christchurch aufs Land. Mittlerweile sind zwar viele Menschen zurückgekehrt, doch das Stadtbild ist noch immer geprägt vom Erdbeben, dessen Ausmass Christchurch und seinen Bewohnern auch Jahre später noch sichtlich in den Knochen steckt.

Einmal rund um Neuseelands Südinsel

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Erste Arbeitserfahrungen. Tags darauf reise ich zusammen mit Marion, die ich im Hostel kennengelernt habe, nach Süden auf die Banks Peninsula. Dank meines WWOOF-Buchs haben wir Marcus gefunden, der uns für ein paar Tage auf seinem kleinen Campingplatz in Little River arbeiten lässt. Wir jäten Unkraut und knacken massenhaft Walnüsse, im Gegenzug stellt er uns einen kleinen, privaten Bungalow zur Verfügung.

Als unser Arbeitssoll erfüllt ist, ziehe ich alleine weiter. In Cave, noch immer in der Region Canterbury, wartet auf einer Schaf- und Rinderfarm bereits der nächste Job auf mich. Ab Little River gibt es keine Busverbindung nach Cave, es sei denn, ich fahre zurück nach Christchurch. So entscheide ich mich fürs Trampen. Keine fünf Minuten stehe ich an der Hauptstrasse, schon nehmen mich zwei Australierinnen in ihrem Pick-up mit. Sie sind eigentlich unterwegs nach Christchurch, machen aber extra einen kleinen Umweg, damit sie mich am State Highway 1 rauslassen können, der runter in den Süden führt. Hier habe ich grössere Chancen, dass mich schnell jemand mitnimmt, meinen sie. Was bin ich den beiden dankbar, denn es hat unterdessen zu regnen begonnen.

Als Nächstes darf ich mit Tony und Claudia fahren, zwei 18-jährigen Mädels, die in einem alten Golf und Gras rauchend auf dem Weg zu einer Party in Dunedin sind. Sie sind so begeistert davon, eine Backpackerin mitzunehmen, dass sie unbedingt ein Foto mit mir machen wollen. Die Fahrt mit den beiden ist sehr kurzweilig, wir statten sogar noch Claudias Opa spontan einen Besuch ab. Ich habe Zeit und geniesse solche «Eintaucher» ins Leben der Kiwis. In Cave muss ich die letzten zwei Kilometer zur Farm zu Fuss gehen, denn leider habe ich keinen Handyempfang, und auch aus der Bar im Ort kann ich die Bäuerin nicht erreichen. Aber den ungefähren Weg bringe ich in Erfahrung. Der Wirt versichert mir: «Wenn du über die naheliegende Anhöhe gehst, wirst du den Hof bereits sehen können.» Aufgeregt mache ich mich auf den Weg.

Die 900 Hektar grosse Farm wird von Sam und Hannah bewirtschaftet. Sie züchten Angusrinder und Romney-Schafe. Sams Ausführungen zu folgen, ist eine grosse Herausforderung für mich, denn er hat einen starken neuseeländischen Akzent. Sogar Tesla, eine Wwooferin aus den USA, hat Mühe, Sams Akzent zu verstehen. Das beruhigt mich etwas.

Schon am ersten Tag dürfen wir beim «Weaning» helfen. Mit «Weaning» wird der Prozess bezeichnet, bei dem die Kälber von ihren Müttern getrennt werden. Ein lauter, anstrengender und nicht gerade ungefährlicher Job, denn keine Kuh lässt sich so ohne Weiteres von ihrem Kalb trennen. Aufs Äusserste gereizt, gehen die Mutterkühe auf die Arbeitshunde los. Ein Kalb schafft es, sich durch den Zaun zu quetschen, um wieder zurück zur Mutter zu gelangen. Eine anrührende Szene, auch wenn die Wiedervereinigung nicht von Dauer sein wird. Später werden die Jungtiere nach Geschlecht getrennt, nach Grösse geordnet und für eine Auktion in den Viehtransporter verladen. Das Leben auf der Farm ist hart, doch Hannah und Sam sind mit sehr viel Herzblut dabei. Ich sauge all diese neuen Eindrücke in mich auf, dankbar, daran teilhaben zu dürfen.

Aufs Äusserste gereizt, gehen die Mutterkühe auf die Arbeitshunde los.

Ein Highlight ist für mich das Miterleben der «Workdog Competition», ein bei Farmern beliebter Wettkampfsport. Hirtenhunde müssen eine kleine Gruppe von Schafen einen Parcours entlangtreiben. Die Farmer geben von der Seitenlinie aus das Kommando an ihre Hunde. Einziger Wermutstropfen: Seit heute regnet es leider ununterbrochen. Gerne kehren wir nach dem Wettbewerb ins trockene Haus zurück.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Beinahe kitschig. Die abwechslungsreiche Natur beeindruckt die Autorin täglich aufs Neue.

Hoch hinaus. Nach einer Woche bei Hannah und Sam reisen Tesla und ich zusammen weiter. Tesla hat von Bekannten in Auckland einen alten VW Golf geliehen bekommen, den sie für ihre Neuseelandreise nutzen darf. So haben wir für den Notfall immer einen trockenen Schlafplatz. Hannah und Sam überraschen uns zum Abschied sogar mit einem Zelt, das wir behalten dürfen. Gut so, denn der Fjordland-Nationalpark, den wir unbedingt besuchen wollen, gehört zu den regenreichsten der Welt. Zunächst planen wir aber eine Wanderung in der Region des Mount Cook. Als wir am türkisfarbenen Lake Pukaki vorbei durch die golden schimmernde Landschaft fahren, fühlen wir uns wie im Film «Herr der Ringe». Beidseitig wird unsere Route von majestätischen Bergketten gesäumt. Immer wieder zeigen wir voller Begeisterung auf Berge, Stimmungen und Wolkenformationen. Diese Landschaft ist schlichtweg perfekt.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Alpin. Wieder und wieder zieht es die Autorin hoch in die Berge – das Wetter macht nicht immer mit.

Als wir in Mount Cook Village ankommen, hängen die Wolken so tief, dass wir den mit 3724 Metern höchsten Berg Neuseelands hinter der grauen Decke aus Wolken und Nebel nur erahnen können. Wir sind unschlüssig. Eigentlich hatten wir vor, zur Miller Hut auf 1800 Metern aufzusteigen. Wir gehen ins Büro des DOC (Department of Conservation) und lassen uns bestätigen, dass die Tour unter diesen Bedingungen durchaus möglich ist. Entschlossen tragen wir unsere Personalien in die Liste ein und stiefeln kurz darauf los. Die vierstündige Wanderung führt konstant bergan. Dauerregen begleitet uns. Wir müssen 1000 Höhenmeter bezwingen und gehen in Richtung eines Gipfels, den wir nicht sehen können. Spätestens in der Hälfte des Weges beginnen wir ernsthaft, unsere Aktion in Frage zu stellen. Was für eine Schnapsidee! Es ist auch nicht verwunderlich, dass wir niemandem begegnen. Völlig durchnässt kommen wir nach drei strapaziösen Stunden auf dem Grat an, der die Hütte in nahezu greifbarer Nähe verspricht. Kalter Wind pfeift uns um die Ohren und geht aufgrund unserer nassen Kleider durch Mark und Bein. Meine Hände sind so steif, dass ich es kaum schaffe, die Handschuhe anzuziehen. Teslas Vorsprung auf mich wächst, was mir zusätzlich zu schaffen macht. In meinen Gedanken sehe ich die Hütte und ein wärmendes Feuer. Wären wir nur schon da!
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Geschafft. Tesla erholt sich in der Miller Hut von den Strapazen des Aufstiegs.

Als das Ziel schliesslich in Sicht kommt, bin ich furchtbar erschöpft. Leider finden wir kein Feuerholz, doch es gibt einen kleinen Gasherd und ein paar Kerzen, sodass wir Reis mit Dosenbohnen und einen heissen Tee zubereiten können. Nachdem wir uns umgezogen und gemütlich eingerichtet haben, stellen wir fest, dass wir hier oben gar nicht alleine sind, als plötzlich die Hüttenwartin in der Tür steht. Bridget haust in einer kleinen Kammer nebenan. Sie funkt umgehend ins Tal, dass wir heil hier oben angekommen sind, und setzt sich dann zu uns. Als Lehrerin lebt und arbeitet sie in Wellington, wollte aber einmal für ein paar Monate raus aus dem Alltag und ist jetzt als Volunteer für das DOC tätig. Sie erzählt uns, dass viele ihrer Freunde und Bekannten kein Verständnis dafür hätten, dass sie ganz alleine hier oben arbeite. Natürlich, an Tagen wie dem heutigen ist es auch wirklich einsam. Sie wundert sich, dass wir überhaupt hergekommen sind, mitten in der verregneten Nebensaison. Seit Tagen kam kein Wanderer hier herauf. Im Gegensatz dazu hat man kaum noch seine Ruhe, wenn in der Hauptsaison gefühlt jeder Tourist hier raufkraxelt, stöhnt sie. Nun lese sie eben viel und denke nach. Es sei eine sehr entschleunigende Erfahrung, so für sich alleine zu sein. Bald ist die Kerze niedergebrannt, und wir sind müde. Im Schein unserer Stirnlampen finden wir den Weg zu unseren Betten. Jetzt wünschte ich, ich hätte einen Daunenschlafsack im Gepäck. Wie beneide ich Tesla, die dick eingemummelt neben mir liegt! Ich hole mir sämtliche Decken, die ich finden kann, und lege sie über meinen dünnen Schlafsack. Der Wind heult um die Hütte, der Regen trommelt unaufhörlich aufs Dach. Mit diesen Geräuschen im Ohr schlafe ich bald ein. Am nächsten Morgen klart das Wetter auf. Zumindest für kurze Zeit. Erst jetzt sehen wir die Bergriesen, die uns umzingeln. Bridget informiert uns, dass schon das nächste Unwetter im Anmarsch sei. Nach einem kurzen Frühstück aus dem restlichen Reis und den Bohnen verabschieden wir uns von ihr und beeilen uns, wieder ins Tal zu kommen. Als wir gerade den Grat überqueren, steht er plötzlich vor uns, majestätisch und unerschütterlich: der Mount Cook. Der Aoraki, wie er von den Maori genannt wird, trägt eine Wolkenkrone, die an einen Heiligenschein erinnert. Doch ist diese wohl nur der Vorbote des bereits herannahenden Sturms…

Der Aoraki, wie er von den Maori genannt wird, trägt eine Wolkenkrone, die an einen Heiligenschein erinnert.

Raue Catlins, regenreiche Fjordlands. Während der nächsten Tage fahren wir über Dunedin der Ostküste entlang gegen Süden. Wir erkunden die zerklüftete Landschaft der Catlins: endlose Sandstrände, abgeschiedene Buchten unvergessliche Tierbegegnungen und eine wilde Flora. Der Regenwald geht direkt in Strand und Meer über. So viel Schönheit können wir kaum begreifen. Es scheint tatsächlich, als hätten sich die Götter beim Erschaffen von Neuseeland besonders ausgetobt. Stundenlang beobachten wir Seelöwen und Pinguine. Alleine, ganz ohne andere Touristen links und rechts. Da die Hauptverkehrsroute durch das Inland führt, fahren hier auch keine Fernbusse vorbei. Der Himmel bei Nacht ist überwältigend – so voller Sterne, dass er nicht dunkel zu sein scheint. Die Milchstrasse ist klar erkennbar.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Unberührt. Die Catlins Coast beheimatet unzählige Tier- und Pflanzenarten, Häuser oder Siedlungen sieht man kaum.

Via Invercargill ganz im Süden nähern wir uns den Fjordlands. Hier regnet es so sehr, dass wir das Zelt gar nicht erst aufbauen, sondern im Auto schlafen. Voller Erwartungen machen wir uns am nächsten Morgen auf zum Milford Sound, einem rund 14 Kilometer langen Fjord, der Teil des Fjordland-Nationalparks ist. Ab der gleichnamigen Ortschaft können Schiffs- und Kajaktouren unternommen werden. Kaum unterwegs, gabeln wir den Backpacker Joe auf. Er kommt aus England und hat zuvor Asien mit dem Rucksack bereist. Wir geraten ins Schwärmen über unsere Lieblingsdestinationen und sind uns einig: Die Regenwälder entlang dieser Strecke sind ein Traum. So dicht bewachsen, mit bemoosten Bäumen und tiefgrün.

Ich stelle mir vor, es könnte jeden Moment ein Dinosaurier um die Ecke schauen.

Der Milford Sound begrüsst uns wolkenverhangen und neblig, was aber hervorragend zur mystischen Stimmung in dieser abgelegenen Region passt. Tesla hat sich schon lange auf eine Bootstour auf dem Fjord gefreut und zieht ihren Plan auch durch. Joe und ich bleiben an Land und erkunden die Gegend zu Fuss. Tesla kommt sichtlich begeistert zurück, und wir beschliessen gemeinsam, auf dem Rückweg ins Inland ein Teilstück des Kepler Tracks zu erwandern. Nach Tagen voller Outdoorabenteuer besuchen wir Mitch, einen Bekannten von Tesla, der im Ort Kingston wohnt. Er ist Tätowierer, und Tesla lässt sich als Erinnerung an die Reise eine kleine Sonne auf das linke Handgelenk stechen. Ein bisschen ironisch ist das mit der Sonne ja schon: Seit Tagen haben wir sie nicht mehr zu Gesicht gekriegt. Wir geniessen den Aufenthalt in Mitchs geschmackvoll restauriertem Haus – endlich mal wieder eine Nacht in einem gemütlichen Bett. Zwischen Queenstown und der Westküste haben wir mehrere Tage keinen Handyempfang. Gut, dass ich schon vor ein paar Tagen bei Stu angerufen habe. Es ist wieder Zeit, etwas zu arbeiten. Stu ist Milchbauer und hat 250 Jerseykühe, die täglich zweimal gemolken werden müssen. Nie zuvor habe ich Kühen Milch abgezapft, ich bin gespannt und ein bisschen nervös. Tesla setzt mich bei der Farm in der Nähe von Ross an der Westküste ab. «Bye bye, liebgewonnene Weggefährtin – das Reisen mit dir war lustig, abenteuerlich und nass.»
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Morgens um fünf. Autorin Sarah Holweg beim Melken der Jerseykühe auf dem Hof von Bauer Stu.

Kühe melken. Stu ist geschieden und hat fünf erwachsene Kinder, die auf der Nordinsel und in Australien leben. Leider interessiert sich niemand von ihnen für den Hof. Er aber findet es toll, durch die Wwoofer dauernd Leute im Haus zu haben und darüber hinaus natürlich bei der Arbeit unterstützt zu werden. Gekocht wird nach getaner Arbeit immer gemeinsam und sehr lecker. Danach überrollt uns jeweils die Müdigkeit, und wir gehen früh zu Bett, schliesslich wollen die Kühe um fünf Uhr morgens schon wieder gemolken werden. Der Umgang mit der Melkmaschine klappt mit jedem Tag besser, auch dank der professionellen Einführung durch Verena, eine Wwooferin aus Österreich.

Eines Morgens bekommen einige der Kühe blaue Markierungen auf den Hintern gesprüht. «Die kommen zum Schlachter», erklärt uns Stu. Beim Melken am Abend wissen wir bei jeder Kuh, die einen blauen Hintern hat, dass wir sie nun zum letzten Mal sehen. Das stimmt mich nachdenklich. Doch das ist Stus Beruf, so verdient er nun mal seinen Lebensunterhalt.

Am nächsten Tag kommt Stus Bruder mit ein paar Freunden zum Schlachten von zwei Jungbullen vorbei. Während die Männer ihre Arbeit verrichten, gehen Verena und ich die Kälber füttern und vergessen dabei eine der Faustregeln der Farmarbeit: «Gatter immer schliessen!» Dieser Satz klingt in meinen Ohren, als Stu abends ungewöhnlich lange braucht, um die Kühe von der Weide zu holen und sie in den Melkstall zu treiben. Oje – wir haben aus Versehen ein Gatter offen gelassen. Das wird uns so schnell nicht mehr passieren.

Der Van ist Wohn-, Schlafzimmer und Küche in einem.

Als es Verena zwei Wochen später juckt, weiterzuziehen, schliesse ich mich ihr spontan an und überlasse Stu den nächsten Wwoofern. Vor einiger Zeit hat Verena von zwei anderen Backpackern einen Van gekauft. Im Kofferraum liegt anstelle der Rückbank eine Matratze zum Schlafen, und auch sonst ist der Wagen gut ausgestattet.
Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Abgeschiedenheit. Täglich komponieren Sarah und ihre Reisebekanntschaften die Route neu. Gecampt wird oft irgendwo im Nirgendwo.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Lecker! Verena beim Zubereiten eines Deluxe- Nachtessens.

Sie will mich eigentlich nur ein Stück die Westküste hoch mitnehmen, aber als wir merken, wie gut die Chemie zwischen uns stimmt, beschliessen wir, gemeinsam zu reisen. Wir fahren landeinwärts, über den Arthur’s Pass und wandern auf den Avalanche Peak. Über Schneefelder erreichen wir den einsamen Gipfel als wohl einzige Besteiger an diesem Tag. Ich fühle mich richtig lebendig hier oben und bin hin und weg, als sich uns die Gelegenheit bietet, neugierige Keas, auch Bergpapageien genannt, aus nächster Nähe zu beobachten. Diese grün schimmernden Vögel scheinen von Natur aus nicht gerade scheu zu sein und posieren regelrecht vor unseren Kameras.

«No Camping, No Fishing, No Swimming.» «No Breathing» – nicht atmen – hat jemand von Hand daneben gekritzelt.

Schreckmoment. Trotz aller Freiheit – die Zeit kann ich nicht anhalten. Mit jedem Tag verkürzt sich meine Reisezeit, und ich möchte noch so viel von Neuseeland sehen. Vorerst warten die Marlborough Sounds ganz im Norden der Südinsel auf uns. In Linkwater tanken wir noch einmal Benzin, denn in den Fjorden gibt es keine Tankstellen. Ein bisschen mulmig ist uns schon beim Gedanken, dass wir uns nun wieder in die unberührte Natur begeben. Zu unserer Überraschung gibt es auch hier relativ viel bewirtschaftetes Farmland. Als wir eine Pause machen, lesen wir auf einem an einen Baum genagelten Schild: «No Camping, No Fishing, No Swimming.» «No Breathing» – nicht atmen – hat jemand von Hand daneben gekritzelt. Früher, als noch weniger Touristen nach Neuseeland kamen, hat es solche Schilder wohl noch nicht gegeben.

Wir finden eine Stelle, die kein Farmland zu sein scheint und an der wir mit gutem Gewissen nächtigen können. Ganz in der Nähe campen auch zwei Einheimische. Es sind die Possumfelljäger Ed und Cory. Stu hat uns erzählt, welch grosse Plage die Possums sind. Sie verwüsten ganze Plantagen, zerstören Gärten und fressen Vogeleier in rauen Mengen. «It’s a lifestyle», sagt Ed – die beiden haben das Jagen zu ihrem Vollzeitberuf gemacht – und hält uns eines der Felle hin. Gut 100 Neuseeland-Dollar bekomme er pro Kilo, und niemand schere sich um die Tiere. Im Gegenteil, alle seien froh, wenn sich die Zahl der Millionen von Possums etwas verringere. So ziehen die beiden durchs Land, stellen Fallen auf und jagen die ungeliebten Tiere, die einst im 19. Jahrhundert zur Pelzjagd in Neuseeland eingeführt wurden. Damals hatte niemand bedacht, dass die kleinen plüschigen Tierchen, anders als in ihrer Heimat Australien, in Neuseeland keine natürlichen Feinde haben. Zudem förderte auch der neuseeländische Reichtum an schmackhaften Pflanzen ihre Vermehrung. Nun werden sie vielerorts mit dem umstrittenen Gift «1080» bekämpft, das auch der übrigen Tier- und Vogelwelt sowie den Farmern und ihrem Vieh schadet.

Tags darauf verabschieden wir uns von Ed und Cory und brechen auf, um den nahegelegenen Mount Stokes zu besteigen. Ich freue mich darauf, wieder in den Bergen zu sein, dieses Mal hoffentlich ohne Regen. Der Mount Stokes ist nur etwas über 1000 Meter hoch, und es führen verschiedene kleine Pfade auf den Gipfel. Oben angekommen – diese Wanderung ist im Vergleich zum Aufstieg zur Miller Hut ein Spaziergang –, geniessen wir die grandiose Rundumsicht. Wir überblicken die Marlborough Sounds und können am Horizont sogar die Küste der Nordinsel erkennen.

Norilsk. Die Nickelindustrie hat die Grossstadt immer noch fest in der Hand. Verschmutzung und ein Flair wie aus Sowjetzeiten sind die bleibenden Eindrücke.

Loslassen. Vom Gipfel des Mount Stokes lassen sich die Marlborough Sounds in ihrer ganzen Schönheit überblicken.

Auf dem Rückweg wird es aber doch noch abenteuerlich. Während ich fotografiere, geht Verena bereits voraus. Da Wegmarkierungen fehlen, wählt sie einen anderen Pfad, als den, auf dem wir hinaufgewandert sind. Im dicht bewachsenen Wald sehe ich sie bald nicht mehr und laufe wohl in einiger Entfernung an ihr vorbei. Auch sie bemerkt mich nicht. Zügig gehe ich den Berg hinab, um sie schnell einzuholen. Hier kann etwas nicht stimmen, denke ich mir nach weiteren Minuten und beginne, nach ihr zu rufen. Ich gehe sogar ein Stück zurück. Der dichte Wald ist schon am Tag recht düster, und bald wird die Sonne untergehen. Proviant habe ich keinen mehr. Plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, in welche Richtung ich gehen muss. Wo ist Verena nur? Ich spüre Panik in mir hochsteigen. Doch endlich höre ich ihre Stimme. Gott sei Dank! Durch Rufen finden wir schliesslich wieder zueinander und beeilen uns, zu unserem Lager abzusteigen.

Das Traurige am Reisen sind die vielen Abschiede.

Ein weiterer Abschied naht, und so setzt mich Verena am nächsten Tag in Havelock, etwa 70 Kilometer vor Nelson, ab. Nach ein paar Tagen besteige ich in Picton die Fähre nach Wellington auf der Nordinsel. Das Schiff ist ziemlich leer, und ich geniesse die ruhige Fahrt durch die Fjorde. Ich hänge meinen Gedanken nach und lasse die erlebnisreichen Wochen auf der Südinsel Revue passieren. Ob auch in Neuseelands Norden eine so überwältigende Natur und bereichernde Bekanntschaften auf mich warten?

Sarah Holweg entdeckte ihre Leidenschaft für das Reisen und andere Kulturen während eines Au-pair-Aufenthaltes in den USA. Weitere Reisen führten sie seitdem nach Neuseeland, Brasilien, Indien, Thailand, Malaysia und Botswana. Sie arbeitet als Redakteurin im Bereich Bildungsmedien und lebt in Hamburg.

Text: Sarah Holweg / Fotos: Sarah Holweg und Verena Ströhle

Neuseeländische Alpen: um die 20 Gipfel sind höher als 3000 Meter.

Die Reportage erschien erstmals im Globetrotter-Magazin Schweiz. Verpasse keine Ausgabe mehr und abonniere das Globetrotter-Magazin hier.